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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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,, Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihren Enthusiasmus für Nietz­ sche nicht teile. In dieser Umgebung zumindest vermag ich keinen Satz dieses Mannes zu ertragen. Er hat einfach alles um sich herum in geistvoller Form verkannt, sogar die Politik, und eben dies belastet heute seinen Namen aufs Unheilvollste. Daß Goebbels sich auf ihn als einen Kronzeugen für seine Po­litik der Vernichtung allen Geistes und aller Wahrhaftigkeit berufen kann, daran ist er leider nicht ganz unschuldig. Im übrigen kenne ich den Willen zur Macht', aus dem Sie mir wohl eben einiges versetzen wollten, recht genau. Lassen wir das!"

B

,, Aber gerade die Politik ist es doch", so sagte ich ein wenig gekränkt ,,, die uns in diese abscheuliche Lage gebracht hat." Der Alte lächelte milde.

,, Politik

du lieber Gott

es ist nun einmal eine

Kunst und keine Wissenschaft: die Kunst, das Gute zu fördern und das notwendige Uebel dabei nach Möglichkeit niederzu­nichts ist halten. Eine höchst schwierige Kunst übrigens, und ihr abträglicher als das starre Rechtsempfinden des ehrenwerten Mannes. Er sieht den Punkt nicht, den Punkt

"

, Welchen Punkt?"

-

-

"

,, Nun eben den Punkt, in dem das notwendige Uebel das er­strebte Gute überwiegt, in dem Vernunft Unsinn, Wohltat Pla­ge wird."

,, Und wer findet diesen Punkt?"

-

Der Alte lächelte.

-

,, Der geistvolle Abbé Galiani hat einmal gesagt: Der Weise berechnet ihn; das Volk fühlt ihn aus Instinkt; der Geschäfts­mann bemerkt ihn mit der Zeit der Politiker von Beruf überhaupt nicht.' Damit hat er leider recht. Politiker sind nämlich zumeist höchst ehrenwerte Männer, behaftet mit der Tugend, das, Gute', das, Rechte', womöglich gar das, Gerechte ' zu wollen, und diese Tugend ist eine Leidenschaft. Man trifft sie nicht allzu häufig an, aber wo sie auftritt, ist sie heftig. In unsern Tagen heißt man sie, fanatischen Willen', und so­lange diese Leidenschaft den Menschen beherrscht, ist alles , gut', ist alles, gerecht', was er tut. Der Mut dieser Tugend, verbunden mit dem Feuer der Ueberzeugung, ersetzt alle Ver­nunftgründe und reißt die Masse mit sich fort. Glauben Sie. mir: der Bösewicht ist nicht so zu fürchten wie der Tugend­

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