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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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für heute und behalte den Kopf oben. Es wird alles gut wer­den. Morgen schreibe ich dir den Brief, den du wirklich er hältst. Dein Hans.

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Ich lebte in diesen Tagen ganz in der Niederschrift einer Erzählung, deren Stoff mich schon längere Zeit vor meiner Verhaftung beschäftigt hatte. Eine mir bekannte Frau hatte in jungen Jahren einmal begonnen, ihre Erinnerungen aufzu schreiben. Nach ihrem Tode war das Manuskript in meine Hände gelangt, und ich hatte es mit wachsender Anteilnahme. gelesen. Diese frühverwitwete Frau hatte in den Fünfziger­jahren des vorigen Jahrhunderts in einem Kreise gelebt, in dem die Träger berühmter Namen aus- und eingingen. Sie hatte Liszt, Brahms , Bruckner, Jakob Burckhardt und den jungen Nietzsche gekannt und nebenher tätigen Anteil genommen an der Entwicklung einer Kunst, die heute schon wieder ver­lorengegangen ist: der malerischen Lichtbildnerei. Nun ich tatenlos in der Zelle saß und dank der guten Beziehungen zum Direktor des Gefängnisses abends über Licht verfügte, reizte es mich, dieses Leben zu gestalten. So kam es, daß ich mich in phantasie beschwingten Erinnerungen bewegte, und die äußeren Umstände, unter denen ich schrieb, oft völlig vergessen konnte. So auch kam es, daß von den Ereignissen des Tages nur schwache Kunde in meine Einsamkeit drang. Eine Zeitung hielt ich nicht. Zwar hatte ich als Unterschungs­gefangener das Recht, eine Zeitung zu bestellen, und ich hatte auch einmal den Versuch unternommen, eine solche Bestellung anzubringen; aber es war mir damals bedeutet worden, daß die Redaktion Neubestellungen nicht annehme, und daß ich warten müsse, bis eine im Gefängnis bereits bestellte Zeitung durch die Entlassung eines Untersuchungsgefangenen frei werde...

Am 16. Januar wurde mir beim Rasieren auf dem Treppen­gange von einem Unbekannten eine Zeitung zugesteckt. Ein Blick in den Heeresbericht belehrte mich darüber, daß die Rus­sen ihre längst angekündigte Winteroffensive begonnen hat

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Die nun rasch aufeinander folgenden Nachrichten, die im Gefängnis leise von Mund zu Mund gingen, ließen mich mein eigenes kleines Schicksal beinahe vergessen. In Stalingrad

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