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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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theke. Ich habe ihn gebeten, mir ein paar Aepfel als Zukost zu gestatten. Er lehnt ab.

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das zweite der Worte, das die

Unmenschliche Korrektheit Briefrevision nicht passieren würde!

Jedes Stockwerk des Untersuchungsgefängnisses hat einen Belegschaftsführer. Der unsere ist ein Oberwachtmeister und heißt Dünnefett. So heißt er natürlich nicht, aber Mo­schinski hat ihn so getauft, und der schöne Name hat sich rasch eingeführt.

Dünnefett ist korrekt. Er filzt jedes Wäschepaket, das in seiner Abteilung eingeht, so genau, daß kein Zündholz durch schlüpft, das sich heimlich unter den Kragen eines Ober­hemdes oder in einer Strumpfmasche versteckt hat. Er kon­trolliert seine Gefangenen regelmäßig durch das Guckloch in der Tür, daß sich tagsüber ja keiner aufs Bett setzt oder auf eine Decke, was natürlich strengstens verboten ist. Er schleicht sich wie ein Indianer auf dem Kriegspfade vermit tels geräuschloser Gummisohlen an die Zellentür und reißt sie mit gewaltigem Zornesschwunge auf, um festzustellen, daß nicht intensiv genug gearbeitet wird. Jedes Wort, das er spricht, wird in seinem Munde zur geheimnisvollen Dro hung. Um es auf eine klare Formel zu bringen: er ist immer im Dienst, und da er von dem Gedanken beherrscht ist, daß jeder Untersuchungsgefangene ein Verbrecher sei, hat er es nach und nach dahin gebracht, alles Menschliche aus seinem Wesen herauszuschwitzen.

Dünnefett ist verhaßt. Die andern Wachtmeister sind mensch­licher. Sie schnauzen herum, sind kurz angebunden oder auch geschwätzig; sie sehen nicht hin, wenn der oder jener heimlich raucht oder ein Stück Brot in der Wäsche mit hereinbekommt. Aber Dünnefett ist eben vollkommen korrekt. Er wäre kein Mensch, hätte er nicht auch eine schwache Seite. Auch er ist hohl wie die meisten andern. Vielleicht berichte ich dir darüber gelegentlich etwas Heiteres.

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Während ich hier schreibe, hat mir Moschinski eine lange Geschichte aus der Zeit seiner Händlerfahrten in Thüringen erzählt. Ich habe nicht viel von ihr behalten, muß mich aber nun doch seiner Gesprächigkeit ein wenig widmen. Lebe wohl

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