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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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,, Nee, bis heute nich. Er hat das Ding noch zweimal gedreht, einmal in der Plauener Gegend und einmal im Bayrischen drü­ben. Nachher hat er das Geschäft aufgegeben. Bei Plauen hat er sechshundert Stangen verkauft. Weiß nicht, wo er jetzt steckt."

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, Wie mag er eigentlich auf diesen frechen Schwindel ge kommen sein?" fragte ich nach einer Weile. Der Gedanke ist immerhin originell."

Moschinski lächelte.

,, Das hat er mir erzählt. Dir kann ich's sagen: ich bin ihm später mal wieder begegnet. Weil du sagst: originell! Das stimmt nun eigentlich gar nicht. Er hat nämlich mal wegen einer kleinen Polizeisache im Geraer Untersuchungsgefängnis gesessen. Sie haben ihm damals nichts nachweisen können und mußten ihn wieder laufen lassen. Da drin hat er den Trick für zwei Schachteln Priem gekauft von einem alten Kunden, der das Ding vor zwanzig Jahren schon einmal gedreht hatte. Der hatte sogar den Draht mit verkauft, und damit hatten sie ihn gekappt. Man darf in solchen Dingen nicht zu geldgierig sein.'

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Das Gefängnis als Lehrmeister! so mußte ich flüchtig denken. Ein oft und mit peinlichen Gefühlen erörtertes Kapitel. Mit welchen Erfahrungen und Einsichten würde ich einmal dieses Haus verlassen? Mit einem ganzen Rucksack voll neubackener Lebensweisheit- natürlich. Das stand fest. Aber wie teuer war diese Weisheit erkauft! Ein ganzes Volk mußte dafür zahlen mit seinem guten Rufe, seinem Ansehen

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seiner Ehre! Welch erschreckender Bazillus war allein schon das Wort Volksgemeinschaft geworden! Hatte es etwas dem Aehnliches in Deutschland schon einmal gegeben? Ge wiẞ. In den Tagen nach der Schlacht bei Jena war es in Berlin auch so gewesen. Die Angst vor den Spitzeln Napoleons hatte alles Vertrauen von Mensch zu Mensch zerstört. Auch diese Spitzel waren, Volksgenossen' gewesen. Aber damals war das Uebel doch immerhin auf einen kleinen Kreis be schränkt geblieben, während heute die Furcht vor dem Zugriff der Geheimen Staatspolizei auf allen Gemütern lastete. Der Arbeiter miẞtraute dem Nachbar seines Arbeitsplatzes, der An­gestellte und der Beamte seinem Kollegen. Die Gaststätten verödeten, nicht nur, weil das Bier dünn, der Kaffee schlecht,

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