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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Weiß Bescheid. Danke. Habe schon einmal drei Monate in Gera gesessen wegen Meckerns. Politisch nennt man sowas heutzutage. Sonst wäre ich jetzt vielleicht mit einer Geld­strafe weggekommen. Habe auch keine Beschwerde dagegen eingelegt; hat ja gar keinen Sinn. Man riskiert nur, daß noch zwei oder drei Monate draufkommen. Kriegte die Ein­ladung zur Verbüßung der Strafe gerade am Weihnachts­heiligabend. Man liebt solche sinnigen Ueberraschungen im neuen Deutschland ."

Moschinski war Rentner. Schwerkriegsverletzt; linker Arm infolge einer Verschüttung in der Champagne bewegungs­unfähig; ein treuherziger Thüringer . Gleich am ersten Tage legte er an der Wand einen Kalender an, indem er mit einer Stopfnadel dreißig dünne Striche in die Kalkwand ritzte. Jeden Abend kreuzte er unter philosophischen Betrachtun gen über die Vergänglichkeit des irdischen Daseins einen sol­chen Strich durch. Die meisten kurzfristigen Gefangenen tun dies. Die Zukunft ist ihnen verschlossen, die Gegenwart wider­wärtig, also flüchten ihre Gedanken in die Vergangenheit und verweilen dort mit verbissener Zähigkeit. Der Kalender deu tet die Zukunft nur flüchtig an. Der tägliche Querstrich ist die Hauptsache an ihm...

Moschinskis Leben ist einfach genug verlaufen. Der Schwer­verletzte kommt aus dem Weltkriege heim und fängt auf den Dörfern der Umgegend von Neustadt an der Orla einen klei­nen Wanderhandel mit Pferdedecken an. Bald kommen Schuhe, landwirtschaftliche Geräte und Arbeitsanzüge dazu. Der Han­del nährt seinen Mann; Moschinski gelangt zu bescheidenem Wohlstande und kauft sich eine kleine Schankwirtschaft. Sechs Mädel hat er, die alle gut verheiratet sind, drei da­von an Gastwirte. Bei einer dieser Töchter arbeitet er jetzt hier in Leipzig als Mädchen für alles. Einfach ist sein Leben verlaufen, und doch ist es reich an Schnurren und Schwänken, die er mit listigem Augenzwinkern erzählt. Nachts schnarcht er wie eine Kreissäge. Aber er hält auf Ordnung in der Zelle. Seine erste große Tat ist, daß er sich einen Eimer heißes Wasser geben läßt und die Diele scheuert, die seit Monaten keinen Tropfen Wasser geschluckt hat.

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