Druckschrift 
Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
49
Einzelbild herunterladen

,, Davon ist mir nichts bekannt. Ich bin nicht befragt wor den, und was auf Grund einer Denunziation von irgend einem gläubigen Polizeibeamten in irgendwelche Akten geschrieben worden ist, kann mir gleichgültig sein. Darf ich übrigens er­fahren, was man mir für staatsgefährliche Umtriebe Last legt?"

zur

Er griff bereitwillig noch einmal in das Aktenbündel. ,, Einmal sollen Sie, als Herr Ministerpräsident Göring im Rundfunk sprach, vor einem Parterrefenster Ihres Hauses ge­äußert haben: Hört denn der Quatscher nicht endlich auf?' Ein anderes Mal will man im Café Steppuhn beobachtet haben, daß Sie beim Absingen der Nationalhymnen im An­schluß an eine Rede des Führers den Arm zum Deutschen Gruß nur langsam und anscheinend widerwillig erhoben haben."

,, Nun gut", sagte ich ,,, man soll diese Anschuldigungen vor dem Richter wiederholen. Dann werde ich zu ihnen Stellung nehmen. Ich unterstehe in diesen Fragen dem Gericht, nicht der Geheimen Staatspolizei. Von einer Aenderung dieser in der Verfassung festgelegten Rechtsgrundlage habe ich bisher nichts gehört."

,, Dann sind eben verschiedene Verordnungen mit Gesetzes­kraft Ihrer juristischen Aufmerksamkeit entgangen." Er lä­chelte müde und, wie mir scheinen wollte, ein wenig mit­leidig, und sagte etwas für einen Richter höchst Merkwürdiges. Nämlich: ,, Sie dürfen den Denunzianten nicht en bloc ver­dammen. Meist kommt er sich heroisch vor. Da ist etwa ein Hitlerjunge, der seine Mutter anzeigt, weil sie den englischem Sender abgehört hat. Er kämpft das Gefühl der Liebe zur Mut­ter nieder, um ein edleres Gefühl, das der Liebe zum Führer, siegen zu lassen. Oder die Frauenschaftsführerin, die alles menschliche Fühlen entschlossen als atavistisches Residuum von sich wirft. Sie bringt wegen des gleichen Deliktes die Frau zur Anzeige, die ihr nachbarliche Hilfe in allen Nöten ihres durch den ständigen Dienst in ihrer Organisation arg vernachlässig ten Haushaltes leistet. Es fälllt schwer, solchen Geschöpfen Gottes wirklich böse zu sein und vielleicht ist der Mann, der Ihnen jetzt diese Ungelegenheit bereitet, einer von der

-

4 Berbig: Knast

49