hatte ich das Gefühl: dieser Mann ist doch ein Spitzel! und dieses Gefühl löste in mir mit Urgewalt einen Wider standswillen aus, der mir sonst fremd ist. Welch eine Frech heit, so dachte ich, einen harmlosen Mitmenschen, der im Kaffeehaus eine Stunde Erholung sucht, zu Worten zu verführen, die ihn, vor Zeugen gesprochen, den Fängen der Gestapo ausliefern! Was bildet sich dieser goldige Hitlerjunge eigentlich ein? Glaubt er wirklich, daß sein Zeugnis gegen mich so schwer wiegt, daß er eine Bemerkung, die ich unter vier Augen mache, vor den Richter bringen kann? So, oder doch
so ähnlich dachte ich, als mein Gegenüber fortfuhr:
,, Ich halte es ja für durchaus richtig, dem Volke die wahre Lage auf den Kriegsschauplätzen zu verheimlichen. Was wäre daraus geworden, wenn die Heimat erfahren hätte, was sich im vorigen Winter südlich Moskau abgespielt hat! Unsere Verluste waren dort einfach grauenhaft!"
,, Und darüber wundern Sie sich", sagte ich. ,, Hitler ist ein militärischer Dilettant! Wo er hinkommt, da ist das Grauen!"
Ich sagte dies in vollem Bewußtsein der Tragweite dieser Worte, fest entschlossen, sie einfach abzuleugnen, wenn sie mir von der Gestapo vorgehalten werden sollten. Ich mußte sie einfach aussprechen! Sie sollten als Ohrfeige wirken in das fatale Lächeln dieser Spitzelvisage, die mich aushorchen wollte! Ich sprach diese Worte wohl auch mit besonderer Schärfe. Einprägsam sollten sie sein, als Sentenz sollten sie wirken, als Schlag in einen mit fauligem Wasser gefüllten Bottich, als Sprengstoff in einem muffigen Seelenraum! Ich ich Tor! fühlte plötzlich die Pflicht, so zu sprechen
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Was wußte ich damals schon von Eiden, die ein Kriegsgericht schwören läßt!
,, Sonst ist nichts weiter gesprochen worden?" In den Augen des Inquisitors kam ein grünliches Leuchten.
,, Nichts, dessen ich mich im Augenblick erinnere." ,, Gut, nun will ich Ihnen vorhalten, wessen Sie der Unteroffizier Herbert Fink beschuldigt. Sie sollen gesagt haben: Die russische Offensive nördlich und südlich Stalingrad wird zur völligen Isolierung der dort angreifenden deutschen Armee führen. Der Vorstoß der Russen in der Richtung des Don bogens gefährdet aber nicht nur diese Armee. Er bringt unsere ganze Südflanke ins Wanken, und die Kaukasusarmee ist
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