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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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getroffen hatte. Der junge Mann mußte sich im gleichen Augen» blick an den Tisch gesetzt haben. Um sich mit mir zu unter- halten? Oder sollte das nur ein Zufall gewesen sein?

Nach kurzer Begrüßung und der Feststellung, daß man ja gewissermaßen schon bekannt sei, war auch ein dünnes Ges präch in Gang gekommen. Wie es jetzt in Rußland aussehe, hatte ich gefragt, und der Soldat hatte mit einem etwas fatalen Lächeln geantwortet: Er wisse gar nichts, höre keinen Runds funk, lese keine Zeitung es würde ihn viel mehr inter essieren, was ich von der Kriegslage im Osten halte.

Nun halte ich grundsätzlich nichts von Kriegslagen. Von Strategie und Taktik verstehe ich so viel wie der Esel vom Lauteschlagen. Ich hielt die Quellen, aus denen man ein Urteil hätte schöpfen können, für zu dürftig, und endlich: diese Fragerei mißfiel mir. Die Erfahrungen der Zeit zwangen zu leichter Unliebenswürdigkeit. Ich sagte also: ‚Mein lieber junger Mann so ein wenig von oben herab ‚wer nicht völlig der Goebbelsschen Meinung über die Lage ist, der schweigt'besser. Es könnte sich ereignen, daß sein Gesprächs- partner das Lokal verläßt und mit einem Herrn in Zivil zurück» kehrt, der ihn verhaftet. Ich schlage Ihnen daher vor, wir bres chen ein solches Gespräch in dieser Umgebung ab!

Das war nicht sehr höflich gewesen, aber der Soldat hatte entwaffnend gelächelt und erwidert:Aber warum sollen wir uns nicht darüber unterhalten dürfen? Ich bin kein Spitzel oder Angeber.

Ich hatte ein wenig höflicher geantwortet:Das nehme ich natürlich auch nicht an. Aber es ist schon besser, man meidet solche Themen. Abermals hatte der Soldat freundlich ver sichert, er sei kein Spitzel oder Spion, und ihm gegenüber könne man alles sagen. Im gleichen Augenblick zog er das starke Register seines katholischen Glaubens:Wenn Hitler unseren) Glauben antastet, dann wehe ihm! Mein Blick fiel auf die Nadel der Hitlerjugend , die mein Gegenüber auf der Uniform trug.Reservatio mentalis? fragte ich lächelnd, worauf er prompt zur Antwort gab:Wenn nötig auch die!

Ein sonderbares Gespräch. In seiner Kürze, Einprägsamkeit und Hintergründigkeit beinahe ein Dokument der Zeit, die ein offenes Wort, von Mensch zu Mensch gesprochen, als gefahrdrohend unterband. Und eben in diesem Augenblick

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