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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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drin, getränkt mit einer Spur Blausäure. Schon der Geruch kann tödlich wirken."

,, Wozu brauchen Sie denn solches Zeug?"

,, Ich sammle Käfer. Sie finden in dieser Flasche einen ra schen, schmerzlosen Tod."

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Der Beamte stellte die Flasche miẞtrauisch beiseite.

, Weshalb sind Sie denn eigentlich hier?"

Genau weiß ich das noch nicht. Ich soll etwas Staatsge fährliches gesagt haben."

,, Dazu gehört heutzutage nicht viel. Lange wird's Ihnen schon besorgen."

,, Wer ist Lange?"

,, Na, der Sie reingebracht hat. Sie kennen Lange nicht?" Ein zweiter Beamter trat in die Zelle. ,, Hier is einer, der kennt Lange nicht!"

Der Eintretende war offenbar erstaunt über diese Mitteilung. ,, Ach nee ein Politischer? Sie sind wohl das erstemal hier, weil Sie Lange nicht kennen?"

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,, Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie sagen. Darf ich meine Kleider wieder anziehen?"

,, Das können Sie, Hosenträger und Schlips bleiben hier." ,, Aber, wie soll ich denn

"

,, Die Hosen halten Sie gefälligst mit der Hand fest. Marsch!" ,, Zwote. Siebenundfünfzig!" rief der Beamte vom Schreib­tisch her. ,, Erst mal ran hier zum Unterschreiben!"

Ich unterschrieb das Verzeichnis der Gegenstände, die mir abgenommen worden waren. Dann stieg ich in Begleitung eines Gefangenen zum zweiten Stock empor. Er sprach nicht zu mir, lächelte mich nur aus den Augenwinkeln vertraulich an, als wolle er sagen:, Siehst du, nun bist du auch bei uns!' Es war ein falsches Lächeln und paẞte nicht zu meiner Stim­mung. Die Menschheit kam mir plötzlich sehr reparaturbe­dürftig vor. Zwar bin ich so glücklich, zu wissen, daß ernste Sachen auch eine komische Seite haben aber ich vermochte sie im Augenblick nicht zu sehen. Mit einem Worte: mir war mies! Am Austritt zur Eisengalerie des zweiten Stockwerkes stand ein Wachtmeister und sagte:, Lebhaft!" Ein Schlüssel­bund klirrte, eine Tür sprang auf und schlug rasch hin­ter mir zu.

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