Sie wurden nicht erschossen, sondern wieder ins Gefängnis geführt. Die drei kamen in ihre Zellen; Körning wurde in den Keller geschleppt und dort bis zum Morgen verprügelt..

Wen sie wohl jetzt quälen?...

Wer wohl jetzt in seiner Verzweiflung zum Strick greift?... Wer wohl jetzt mit zerschundenen Gliedern auf seiner Pritsche liegt und stöhnt?...

Kreibel wirft die Zeitungen beiseite. Er kann nichts lesen, ohne daß, wie aus abgründiger Tiefe, entsetzenerregende Er­innerungen aufsteigen.

Woche reiht sich an Woche. Kreibel geht stempeln, holt an den festgesetzten Tagen seine Unterstützung ab und schlendert die übrige Zeit durch die Straßen, schnuppert in Bibliotheken, besucht Museen und Kunstgalerien. Alles systemlos, ganz nach Lust und Laune und ohne irgendein bestimmtes Ziel. Mehr und mehr fallen die Erinnerungen an das Zurückliegende von ihm ab, verblassen und versinken. Er verliert die Ge­sichter der Genossen aus seinem Auge, hat den Klang ihrer Worte nicht mehr im Ohr. Seiner eigenen Gefangenschaft er­innert er sich wie eines unheimlichen Traums.

Er findet, daß es Vergnügen bereitet, mit der Frau einzukaufen. Das Geld ist knapp; es gilt, mit wenig Geld vorteilhaft zu kaufen. In den Läden kann man viel sehen und hören. Die Frauen schimpfen; die Geschäftsleute klagen. Kreibel hört zu, aber er schweigt.

Abends sitzt er in seinem kleinen Zimmer und liest Zeitung, versucht manches zwischen den Zeilen zu erraten, stellt das Radio ein, wenn Musik gegeben wird, oder liest in dem Buch aus der Leihbibliothek.

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