begreifen, daß das Leben ungestört weiterging, daß die Sonne schien, daß es Frauen gab, daß Menschen fröhlich waren. Er steht wieder im Leben. Andere liegen jetzt in diesen dunklen Löchern begraben. Andere laufen verzweifelt von früh bis spät in ihrer Einzelzelle auf und ab, sieben kleine Schritte vom Fenster zur Tür und wieder zurück.

Nein, nie wieder dort hinein. Sterben, wenn es sein muß, aber nie wieder in diese langsam tötenden grabesdumpfen Zellen. Kreibel nimmt seinen Jungen an die Hand und flieht, als wären Greifer hinter ihm her.

Ilse rackert sich ab, versucht, mit den wenigen Unterstützungs- groschen die Wohnung zu verschönern, kauft Farbe und streicht die Küchensachen, die Fenster und Türen. Dem Haus- wirt knöpft sie Bohnerwachs ab und poliert die Fußböden. Sie will es ihm so gemütlich wie möglich machen.

Kreibel sitzt an seinem langen Tisch und liest. Ein ganzer StapelBlick in die Zeit liegt vor ihm. Er will wissen, was während seiner Gefangenschaft in der Welt vor sich ge- gangen ist. i

Er liest von der Ermordung John Scheers und der drei andern Mitglieder des ZK. Die Nachricht brachte damals ein krimi- " nellerGefangener auf den Saal, aber keiner wollte ihm glauben. Nathan Welsen behauptete sogar hartnäckig, John Scheer sei gar nicht verhaftet...

Wie viele haben ihr Leben lassen müssen. Wie viele allein in Hamburg . Geköpft. Erhängt. Erschossen. Zu Tode geprügelt. Fritz Jahnke lebt noch, aber auch ihn wollen sie töten. Wer weiß, wie viele noch ihr Leben verlieren werden..

Sie werden jetzt auf dem Saal vor der Tür auf und ab gehen.

Vielleicht sprechen sie von ihm. Sie können ihm bestimmt nichts

Schlechtes nachsagen.

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