plötzlich vor ihr steht. Warum fährt die Bahn bloß so bummelig? Ungeduldig lehnt sich Kreibel hinaus. Er sieht nur, daß gleich wieder eine Haltestelle kommt.
Die Nachbarn werden sich ja auch wundern. Besonders der Hasenberger, das Schwein, der damals zynisch meinte:„ Na, dieser Kreibel kommt die ersten zehn Jahre nicht wieder aus Nummer Sicher raus." Der wird gucken. Und dann die Genossen. Die Genossen, die wird er sich hübsch vom Leibe halten. Hoffentlich sind sie nicht so idiotisch und kommen gleich zu ihm gelaufen. Und überhaupt, er scheidet erst mal aus. Ohne ihn wird es auch gehen. Wenn man ihn totgeschlagen hätte, oder wenn er damals zum Strick gegriffen hätte, müßte es ja auch ohne ihn gehen. Er ist ja schließlich auch Mensch und hat auch einen Anspruch auf das Leben.
Diese Bahn bummelt zum Tollwerden. Dort ist ein Taxistand. Ohne weiter zu überlegen, springt Kreibel herab und läuft auf die Autos zu.
,, Bachstraße 2. Recht schnell."
Schon an der nächsten Straßenecke hat das Auto die Straßenbahn überholt. Noch zwei, noch eine Minute, und er ist zu Hause.
Es ist Abend. Die erste Aufregung ist vorüber. Der Junge liegt in seinem Bett und schläft. Ilse kauft in aller Eile zum Abendbrot ein. Kreibel liegt auf dem Diwan und hört Radio.
Es ist alles, wie es früher war. Vielleicht gemütlicher noch, heimischer. Der lange grüne Tisch steht immer noch an der Wand. Auch Marats Ermordung hängt noch darüber. Die Nazis wußten mit diesem Bilde nichts anzufangen. Nur die Bücherregale sind leer. Der Nähkasten, eine Blumenvase ohne Blumen stehen in dem einen Regal. In einem andern steht ein kleiner, vertrockneter
335


