Kaktus. Ganz unten liegen dünne, vergilbte Broschüren, die die Beschlagnahme überlebten...
Daẞ Ilse noch Geld hat? Die kauft groß ein, und übermorgen erst ist Zahltag. Er weiß nicht, daß sie überall auf Kredit kauft. Er weiß auch nicht, daß die kleinen Geschäftsleute ihr heute, wo der Mann zurückgekehrt ist, gerne borgen.
Sie ist doch eine prächtige Frau. Etwas zu gutherzig, zu weich, aber ein gerader, aufrechter Charakter. Es war doch eine merkwürdige Ehe zwischen ihnen. Sie haben sich die Hände geschüttelt wie zwei alte Freunde, als er ankam. Keine Freudenausbrüche, keine Tränen, keine Küsse, und dabei war er doch dem Grabe entkommen. Bei ihnen sitzt eben alles zu tief innen, es dauert seine Zeit, bis es an die Oberfläche gelangt. Im Radio wird ein Schlager gesungen: Kannst du küssen, Johanna? Gewiß kann ich das. Trallalala... Kreibel horcht auf die Melodie, doch seine Gedanken sind bei den Genossen, die gewiß jetzt auf den Pritschen davon reden, daß er bei seiner Frau liegt. Ach, jetzt nicht dran denken. Wozu ist es gut? Wohin führt es? Die nächsten Tage gehören ihm. Nur ihm. ,, Ich hab' es mir doch wahrhaftigen Gottes verdient!" spricht er zu sich selbst.
Ilse kommt herein. Ihr Gesicht ist voller rötlicher Flecke von der Aufregung, ihre Bewegungen sind unruhig und zerfahren. ,, Gleich können wir essen!" sagt sie und geht in die Küche. Als ob das Essen das wichtigste wäre.
Im Radio wird gesprochen. Kreibel hört nur Worte, ohne den Zusammenhang zu begreifen. Das hat mir gefehlt. Man ist allein und ist doch nicht allein. Es gibt keine Einsamkeit und Stille mehr. Einsamkeit und Stille...
Torsten liegt vielleicht gerade jetzt auf seiner Pritsche und denkt an ihn, sorgt sich um ihn. Waren die Tage der Dunkelhaft eigentlich so schrecklich? War er überhaupt in Dunkelhaft? Unbe
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