Und wenn nun wirklich alles nur ein Irrtum wäre? Wenn sie schon hinter ihm waren, ihn zurückzuholen? Wenn sie ihn morgen erneut verhafteten? Sollte er nicht lieber sofort in die Illegalität untertauchen? Ist es richtig, gleich nach Hause zu fahren? Heiß und kalt wird Kreibel bei diesen Gedanken. Alles überstürzt sich in ihm: Freude und Angst. Er traut seinem Glück nicht. Ihm kommt noch immer alles unwahrscheinlich vor. Wenn schon wieder zurück, dann gleich. Dann nur nicht lange die Freiheit kennenlernen. Dann gar nicht erst richtig begreifen lernen, was einem alles gefehlt hat. Aber... aber lieber überhaupt nicht mehr zurück. Nie mehr. Er wird die Finger davon lassen, bestimmt. Er hat Urlaub von der Politik. Er scheidet erst mal aus. Er hat ein Recht auszuscheiden, denn er kommt doch geradenwegs aus dem Grabe gekrochen.
Natürlich wird er nach Hause fahren. Warum sollen sie ihn wieder holen? Warum soll seine Entlassung ein Irrtum sein? Sie werden ihn in Ruhe lassen, wenn sie sehen, daß er die Politik an den Nagel hängt. Überhaupt, sie werden ihn beobachten, und wenn er nicht gleich nach Hause geht, macht er sich sofort verdächtig. Wie ein Eremit will er leben, mit keinem Menschen Umgang pflegen. Ruhe will er haben. Das zurückgewonnene Leben will genossen sein. Wandern will er. Sonntag schon wird er mit Ilse und dem Jungen ans Elbufer fahren.
Eine Straßenbahn rasselt vorbei. Es ist die Linie sechs; sie fährt bis vor seine Haustür. Er läuft hinterher und springt auf. Ach, tut das Laufen gut. Kreibel bleibt auf der hinteren Plattform stehen. Der Schaffner blickt auf seinen Pappkarton und lächelt ihn an. Ob ihm denn alle Menschen ansehen, wo er herkommt?
Schrecklich langsam fährt die Bahn. An jeder Straßenecke hält sie. Ilse hat keine Ahnung. Sie wird Augen machen, wenn er
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