Die Entscheidung

Schweißgebadet rennt Walter Kreibel' die Fuhlsbütteler

Chaussee hinunter. Der rauhe Märzwind, der ihm entgegen­stürmt, fährt in die kahlen Bäume, daß die dürren Äste knackend brechen und herunterfallen. Kreibel blickt nicht nach rechts und nicht nach links, er rennt geradeaus. Es treibt ihn die wahn­sinnige Angst, alles könnte nur ein Versehen sein, und sie könnten ihn jeden Augenblick zurückholen. Aus den Haus­eingängen der kleinen Häuser, den Geschäften, blicken oft Frauen auf ihn; die Leute auf der Straße drehen sich nach ihm um: jeder weiß, er kommt aus dem Konzentrationslager. Täglich kommen die Entlassenen mit ihren Kartons vorbei. Kreibel sieht das alles nicht, vor seinen Augen schwimmt alles, durch seinen Schädel saust nur immer wieder der eine Gedanke: Frei! Ge­rettet! Nach Hause!

An der Alsterschleuse wirft er einen Blick zurück auf die schmutzigroten Gebäude hinter der hohen Mauer, auf den häẞ­lichen Turm am Eingang des Zuchthauses, in dem deutlich sicht­bar die Glocke hängt; die Glocke mit dem abscheulich schrillen Klang. Er blickt noch einmal auf die glatten Fronten der An­stalt, mit den viereckigen, vergitterten, dunklen Löchern. Oh, nie wieder! Nein, niemals wieder hinein.

Er geht frei auf der Straße. Kann hingehen, wohin er will. Das Leben hat ihn wieder aufgenommen. Dort ist die Straßenbahn; in wenigen Minuten wird er zu Hause sein. Bei seiner Frau. Bei seinem Jungen. Ganz schwindlig taumelt er dahin.

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