Kurz vor Ausgabe des Mittagessens kommt der Wachtmeister Lühring mit dem Erlöserengel" in den Saal.

Wieder eine Entlassung. Die Augen der Gefangenen sind er­wartungsvoll; in jedem glimmt Hoffnung. Deutlich hört man stoßweises Atmen.

Wachtmeister Harden, der Erlöserengel", legt die Hand, die den Abgangszettel hält, auf den Rücken, lächelt und tritt lang­sam in die Mitte des Saales. Vor Kreibel bleibt er stehen. ,, Na, Kreibel, ahnst du schon was?"

Kreibel läuft krebsrot an. Das kommt überraschend. Weiß Gott , das kommt plötzlich. Und Kreibel ist nicht fähig, ein Wort zu erwidern. Monatelang hat er Tag für Tag gehofft, nie kam es; jetzt, wo er mit keinem Gedanken zu hoffen wagte, ist es plötz­lich da... Frei! Er wird frei sein! Es wird ihm schwindlig. Seine Wangen brennen.

,, Also machen Sie sich fertig; Sie sind entlassen!"

Wachtmeister Lühring, der an der Tür steht, ruft Kreibel zu: ,, Hast du ein Schwein, Bursche. Bist wohl selber sprachlos, was?"

Die Wachtmeister gehen hinaus.

Kreibel bleibt sekundenlang wie angenagelt auf dem Fleck stehen. Er ist immer noch puterrot im Gesicht und wagt nicht, die Genossen anzusehen. Er kann nach Hause gehen, sie bleiben hier. Er, einer der führenden Funktionäre, ist frei, sie haben Prozesse vor sich, lange Gefängnis- und Zuchthausjahre oder gar den Tod, wie der Genosse Fritz Jahnke. Verstört blickt er die Genossen an. Einige kommen auf ihn zu, packen ihn am Arm, schütteln ihn, beglückwünschen ihn.

,, Mensch, Walter, das ist ja großartig. Die lassen dich raus. Die haben ja keine Ahnung, was sie tun."

326