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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
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A-ach Gott! gähnt ein anderer,ist das ein bescheidenes Da- sein! i

Der Siebel hatn Vogel, gleich in aller Frühe immer die Fenster aufzureißen. Man klappert wien Schneider!

Kesselklein wäscht sich die tätowierten Arme.Wenn du doran denkst, dat se vellicht grod jetzt op de Faschisten ballert, und du hier hockst un verschimmelst, dann kannst de Platze kriegen vor Wut!

Keiner antwortet. Aber jeder denkt: Osterreich . Dort wird ja ge- kämpft. Und heute werden wir sicher Neues erfahren.

Es hat aber keiner Lust, am frühen Morgen schon die Debatten des gestrigen Tages und der Nacht fortzusetzen. Doch Kessel- klein redet weiter. Er wendet sich an keinen, sondern spricht mit sich selbst.

Und ji köhnt mi gleuwen, dat duert gornich mehr lang, dann_ kummt dat hier ok so. D& dütsche Prolet is ja nu eenmol en ganz grooten Michel. Ober dat kummt doch, dat kummt doch. Bannig langsam, aber dat kummt!

Elgenhagen und Kreibel, die in seiner Nähe stehen und sich waschen, blicken auf den redenden Seemann und lächeln.

Die Tische und Bänke werden nach einer Seite des Saales ge- rückt, und die Gefangenen vom Stubendienst fegen und schleppen Eimer voll Wässer zum Aufwaschen herbei. Zwischen ihnen hasten halbnackt die Säumigen. Andere legen Wolldecken zu- sammen und bringen die Pritschen in Ordnung.

Schneller! Schneller! treibt Welsen.Es ist gleich sieben Uhr. Ihr kommt ja heute gar nicht von der Stelle. Und er packt mit an, wringt einen Lumpen aus und wischt den Fußboden trocken.

Zwei Minuten vor sieben stehen die Gefangenen des Saales 2 zum Morgenappell angetreten.

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