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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
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,, Fang' nur nicht an zu weinen!"

,, Nein!" Sie lächelt.

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Wie geht es denn sonst so zu Hause? Wie kommst du durch? Was machen die Freunde? Du sagst gar nichts."

,, Ich freu' mich nur, daß ich dich sehe, gesund sehe!" Sie dämpft ihre Stimme. Man hat draußen grauenhafte Sachen erzählt. War es so entsetzlich?"

,, Du siehst, ich lebe und bin gesund. Alles geht vorüber. Und so arg war es auch gar nicht. Hast du von den Büchern welche retten können?"

,, Nein, sie haben alle mitgenommen, nicht nur die politischen, sondern alle. Ausnahmslos!"

Kreibel sieht starr an seiner Frau vorbei. Die ganzen Bücher haben sie genommen. Er war stolz auf seine Bibliothek, wieviel schöne Stunden verbanden ihn mit seinen Büchern, die er in langen Jahren gesammelt hatte. Und alle Bücher hatten sie ge­

nommen...

Am Fensterplatz sieht er Hannes Kolzen und seine Frau. Die Frau ist klein, sieht abgearbeitet und verbittert aus. Sie weint nicht, sie redet in einem fort auf ihn ein. Er nickt nur.

,, Die Bücher, Walter, ist ja schlimm, aber doch nicht das Schlimmste. Wichtig ist, daß wir alle leben und gesund sind. Mußt nicht so traurig sein."

,, Ich bin ja gar nicht traurig, ich freue mich so, daß ich dich sehe; es hat Stunden gegeben, da hatte ich die Hoffnung, dich noch einmal wiederzusehen, aufgegeben."

,, Also doch!" Kreibels Frau sieht ihn mit tränenerfüllten Augen an. Verdammt, nun hatte er mehr gesagt, als er sagen wollte. Ver­legen legt er seine Hand auf die Schulter seiner Frau, und wie er sie lächeln sieht, streicht er ihr einmal über das Gesicht.

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