,, Bitte, meine Damen, kommen Sie. Versuchen Sie nicht, Ihren Angehörigen heimlich etwas zuzustecken, Sie schaden ihnen nur." Fünf Frauen gehen langsam über den Flur. Eine weint ununterbrochen und wischt sich die Augen. Eine alte, gebrechliche Frau wird von einer jüngeren gestützt.
Gehen Sie bitte dort hinein. Dort, die nächste Tür!"
Ein rascher Blick. Kreibel sieht seine Frau als letzte ins Zimmer treten... Na ja, sie sieht aus wie früher. Wieso sollte sie sich auch verändert haben? Das an den Kinnbacken etwas breite Gesicht, der kleine Mund, die mandelförmigen, hellen Augen und das schwarzglänzende Haar: ihm ist plötzlich, als habe er sie erst gestern gesehen. Den Blick nicht von ihm wendend, tritt sie auf ihn zu. Sie geben sich die Hand.
,, Guten Tag, Walter!"
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Guten Tag, Ilse!"
,, Jetzt geht es dir besser, nicht wahr?"
,, Ja! Wie geht es dem Kleinen?"
,, Der hat alles überstanden und ist gesund."
Kreibel blickt zu den anderen Paaren im Zimmer. Die Frauen weinen, umhalsen immer wieder ihre Männer, können vor Schluchzen nicht reden. Die alte Frau fragt einen jungen Burschen, der die Hand seiner Frau fest umschließt:
,, Haben sie dich auch geschlagen, mein Junge?"
Der Gefangene lächelt und antwortet laut:
,, Mutter, darauf kann ich dir keine Antwort geben!"
Die alte Frau blickt haẞerfüllt auf die beiden SS- Wachtmeister,
die an der Tür stehen und dem Blick ausweichen.
,, Du siehst andere an, und wir haben uns viele Monate nicht gesehen."
" Ja, ja", stottert Kreibel und blickt wieder auf seine Frau, in deren Augen es auch feucht schillert.
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