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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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,, Siehst du, solche Stimmungen kommen immer mal, das ist weiter nicht so schlimm. Und nun, nun geht es mir ganz gut, nun brauchst du dir gar keine Sorgen zu machen."

,, Meine Herrschaften, die Sprechzeit ist vorüber!"

,, Ach, Herr Wachtmeister, jetzt schon?" jammert eine Frau. ,, Sind die zehn Minuten schon um?"

,, Ich muß mich an meine Instruktionen halten!" Der Wacht­meister zuckt mit der Schulter und reibt verlegen die Hände. ,, Einige Kleinigkeiten habe ich dir mitgebracht. Leider mußte ich das Beste draußen bei der Kontrolle zurücklassen!"

Kreibel nimmt ein kleines Paket in Empfang.

,, Also, meine Herrschaften, die Sprechzeit ist zu Ende!"

Die Tränen fließen reichlicher. Umarmungen und Küsse. Küsse, die sich mit den Tränen vermengen.

Kreibel reicht seiner Frau die Hand.

,, Also, vielleicht in vier Wochen wieder!"

,, Ja!" druckst sie heraus. Kreibel sieht, wie sie sich zusammen­reißt, um ruhig zu bleiben und nicht in Tränen auszubrechen. Er legt den Arm um sie und drückt sie an sich.

,, Mach's gut. Und halt den Kopf hoch!"

,, In vier Wochen komme ich wieder!"

,, Grüß die Freunde! Grüß alle!"

Die vier Gefangenen müssen sich auf dem Korridor aufstellen. Ohne laute Kommandos, ohne Schimpfereien geht es in den Ge­fängnisbau zurück.

Erst, nachdem sich das Gittertor hinter ihnen geschlossen hat, dürfen die Frauen das Zimmer verlassen. Von einer SS- Or­donnanz werden sie über den Gefängnishof aus dem Lager be­gleitet.

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