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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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Sohn berichtete. Wie er die Lippen hochzog und die Zähne zeigte. Gleichmäßige, perlenweiße Zähne hat er. Darauf scheint er besonders stolz zu sein.

Der Heildiener kommt mit Otten über den Korridor. Kreibel erkennt ihn sofort an der Sprache.

,, und du hast gestern abend nichts gemerkt?"

,, Nicht das geringste. Der benahm sich wie an jedem andern Abend!"

Kreibel preßt sein Ohr an die Zellenwand. Wenn auf dem Korri­dor keine Geräusche sind, kann er hören, was in der Neben­zelle gesprochen wird.

,, Menschenskind, was machst du für Dummheiten. So etwas macht man doch nicht, wenn man achtzehn Jahre alt ist. Hast du Liebeskummer?"

Kreibel kann nicht verstehen, was Hansen antwortet.

,, Briefe von deiner Mutter? Die Frau wird keine Zeit zum Briefe­schreiben haben. Aber man bringt sich doch nicht um, weil man keine Briefe bekommt. Du bist ja eine ganz verdeubelte Marke!" Kalfaktoren schleppen eine Tragbahre herbei. Kreibel hört, wie Hansen aus der Zelle getragen wird. Vor seiner Tür sagt der Heildiener:

,, Der hat einen unglaublichen Massel. Normalerweise müßte er längst verreckt sein."

Dieser Morgen hat für Kreibel große Bedeutung. Auch er kennt Abende und Nächte, in denen er mit dem Gedanken rang, Schluß zu machen. Seit vielen Tagen trägt er einen festen, ge­flochtenen Strick unterm Hemd am Hals, damit er, wenn er er­kennt, daß es keinen Ausweg mehr gibt, nicht noch lange Vor­bereitungen zu treffen hat. In den einsamen, verzweiflungsvollen Nächten hat dieser Strick wie eine glühende Kette gebrannt. Und abends, wenn wieder ein qualvoll langer Tag vorüber war und

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