„Fast zehn Monate, Herr Heildiener. Davon sechs Wochen in Dunkelhaft!” „Am!... Ich will sehen, was ich tun kann. Aber machen Sie
sich keine übertriebenen Hoffnungen. Vielleicht kann ich Garten- arbeit für Sie herausholen!”
„Ich wäre Ihnen unendlich dankbar, Herr Heildiener.”
Der Heildiener verläßt die Zelle und geht zurück in die Wacht- stube zu Otten. „Der Kreibel macht es nicht mehr lange. Sein Blick gefällt mir nicht. Es ist doch eine verdammt schwere Haft, immer allein und ohne Arbeit!”
Otten, der in seinem Meldebuch Eintragungen macht, dreht sich herum und meint:
„Wenn ich zu sagen hätte, würde etwas ganz anderes gemacht.
Ich würde alle entlassen... Würde aber jeden, der zum zweiten-;
mal bei politischer Arbeit gefaßt wird, auf der Stelle erschießen. Wenn wir die Burschen schon einschüchtern wollen, dann ist das die beste Methode. Und obendrein ist sie billiger; eine deutsche Patrone kostet sieben Pfennige.”
„Du stellst dir die Dinge zu einfach vor.”
Nachdem der Heildiener gegangen ist, überlegt Otten, ob er dem Kreibel mitteilen soll, daß sein Kind ins Krankenhaus ge- kommen sei. Wie ihm der Gedanke kommt, verspürt er große Lust, sofort hinzugehen. Soll der Kerl sich doch ruhig Gewissens- bisse machen. Dann zögert er aber. Ist eigentlich eine tolle Quälerei, einem gefangenen Menschen derartigen Schrecken ein- zujagen. Will ihn man in Ruhe lassen. Und er arbeitet weiter. Eine Weile später blickt er abermals von seiner Schreiberei auf und grübelt vor sich. Haben diese Burschen Rücksicht verdient? Otten zögert. Er möchte zu gerne dem Kreibel eine Lektion . erteilen, aber er zögert immer wieder.
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