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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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Mein Lieber Junge,

Ich will Dir nun auch noch zu Weihnachten Schnell einige Zeilen schicken, denn ich denke, es wird Dich doch Freuen von Deiner Mutter einen Brief zu bekommen, selbst wenn ich Dir nicht viel neues be­richten kann.

Zuerst der kleine war Krank, sehr Schlimm krank, ich habe sehr viel Arbeit gehabt und der kleine Butt hat sehr viel aushalten müssen, er ist aber ein Liebes kerlchen, stell' Dir vor, am Ganzen Körper ausschlag, cirka 40 eiterbeulen, der Doktor mußte davon wohl 10 schneiden, Geschrien hat er, Du machst Dir keine Vorstellung, ich mußte ihn halten, das war entsetzlich, aber nun hat er Erleichterung, heute Singt er schon wieder.

Von mir ist Wenig zu berichten, viel Arbeit und Plagerei und obendrein auch noch Verdruß, An meine Lahmen Knochen darf ich jetzt nicht denken, wenn ich jetzt Schlapp mache, geht alles Verkehrt, also heißt es für mich den nacken Steif­halten.

Und Du, mein Junge, wie geht es Dir, na ich kann es mir Denken, reden wir nicht drüber, aber alles hat Einmal sein ende und auch für Dich kommen Bessere zeiten, nur den Mut nicht sinken lassen, um uns Frauen mach Dir man keine Sorgen, wir kommen schon so durch.

Alle lassen grüßen, mein Junge, sei man nicht so traurig, Deine Mutter.

Kreibel lächelt. Die Briefe, wieviel Liebe steckt in jeder Zeile, in jedem Wort, wieviel Lebensmut zugleich und Zuversicht. Diese Briefe sind seine einzige Weihnachtsfreude, seine einzige Weihnachtslektüre, und immer und immer greift er zu ihnen,

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