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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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liest er sie, freut sich darüber, daß die Mutter alle ihr wichtigen Wörter groß schreibt, freut sich darüber, daß sie nur dort den Punkt gelten läßt, wo sie einen Gedanken beendet hat.

Er hängt beide Briefe über seinen Tisch an die kahle Zellen­wand. Sie sind der einzige Schmuck der Zelle, und immer, wenn er beim Aufundabgehen an dem Tisch vorüberkommt, fällt sein Blick darauf.

,, Stillgestannn!... Das Gewe- ehr... über!... Das Gewe- ehr .. ab!... Rührt euch!"

Die Wachtmannschaften des Konzentrationslagers exerzieren. Truppführer Teutsch führt das Kommando.

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,, Was ist denn bloß los? Das muß doch eine Freude sein, wenn die Arme gleichzeitig ruck- zuck an die Gewehre schlagen und alle wie in Bronze gegossen dastehen!... Kalk, du machst ein Gesicht, als habest du Essig gesoffen! Macht es dir keinen Spaß, he?"

Der Angeredete zuckt verlegen grinsend die Achseln.

,, Stillgestannn!... Das Gewe- ehr über!... Im Gleichschritt...

marsch!"

Die Abteilung SS - Leute, mit Stahlhelmen und Gewehren, mar­schiert um den Gefängnishof. Teutsch schreitet nebenher, kriti­siert den Abstand der einzelnen Glieder, die Haltung der Ge­wehre, das schwache Pendeln des freischwingenden Armes. ,, Abteilung... so schön, die Beine raus... halt!... So ist es gut! Ihr sollt sehen, wie uns die Mädels nachschauen... Abteilu- ung .. marsch!... Links schwe- enkt... marsch!... Gerade- e

aus!"

Auf dem Korridor der Station A 1 stehen mit dem Gesicht zur Wand drei Gefangene, die heute früh, am letzten Tag des

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