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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
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Der Kleine hat Nesselfieber gehabt. Deine Mutter, die mit ihm gut umzugehen weiß, plagte sich mit ihm ab. Nun ist er wieder munter. Es ist ein freches, aber süßes Kerlchen, sage ich Dir; den kennst Du gar nicht wieder. Groß und stark ist er geworden. Er frißt mir aber auch die Haare vom Kopf.

Es ist nicht leicht, mit acht Mark Unterstützung die Woche auszukommen. Ich muß mich sehr einrichten. Radio habe ich abbestellt; die zwei Mark Gebühren monatlich bringe ich einfach nicht mehr auf.

Lieber Walter, alle wollten Dir zu Weihnachten ein Paket schicken, Mutter, Grete, Paul und die Freunde. Da ich an­nahm, daß Du sicher nur ein Paket empfangen darfst, wollte ich Dir aus allen Geschenken ein schönes Paket zurecht­machen. Vor einigen Tagen wurde nun aber bekanntgegeben, daß Schutzhaftgefangene und auch alle anderen Gefangenen zu Weihnachten keine Pakete mehr empfangen dürfen. Das ist eine Bestimmung aus dem neuen Strafvollzug. Sei nicht traurig, Walter, wir werden später alles nachholen...

Kreibel läßt die Hand, die den Brief hält, sinken... Sie ist doch mutiger und gefaßter, als er erwartet hatte... Und die Kommission? Die Amnestie- Kommission? Dieser un­heimliche, stumme Besuch des Buckligen hat über sein Schicksal entschieden?... Das ist die Amnestie- Kommission gewesen?... Heiliger Strohsack, hier kann man was erleben... Nicht ein ein­ziges Wort haben sie gesprochen. Nicht eine einzige Frage an ihn gestellt. Der Bucklige sagte draußen: Nein, der nicht! Das war alles...

Kreibel zieht den zweiten Brief hervor, den Brief von seiner Mutter.

17 Bredel, Prüfung

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