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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
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Er ist stets einsam und ohne Beschäftigung in diesen vier Wänden gewesen. Aber er lebte mit jedem Wort, das in seine Zelle drang, mit jedem Schritt, den er hörte, mit jedem Geräusch. In diesen Feiertagen war jedes Leben wie erdrosselt. Nicht einmal die Ge­nossen in den Nebenzellen räusperten sich. Kein Laut, kein Klopfen, kein Schritt drang durch die Zellenwände.

Und doch, in jeder Zelle sitzt ein Mensch, ein Genosse. In jeder Zelle. In hunderten Zellen. Und jeder dämmert durch diese stillen Tage, friẞt diese langen, einsamen Tage und Nächte in sich hinein und denkt an Frau und Kinder, an Eltern und Freunde und an die Genossen in der Freiheit...

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Kreibel greift zum wievielten Male in diesen drei Weihnachts­tagen? nach seinen Briefen, hockt sich in der Ecke am Heizungsrohr nieder und liest:

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Mein lieber Walter,

Nun steht Weihnachten vor

der Tür, und Du bist immer noch in Haft. Wer hätte das gedacht, als sie Dich im März aus dem Hause holten? Vor einigen Wochen, als Gerüchte von einer Weihnachts­amnestie umgingen, bin ich auf dem Stadthaus gewesen und habe gefragt, ob Du, da Du noch aus der sozialdemokratischen Zeit in Haft bist, nicht mit entlassen würdest. Der Beamte sagte mir, eine Amnestie- Kommission prüft die einzelnen Fälle. Gestern sagte man mir, die Kommission habe Dich be­sucht und Deine Entlassung abgelehnt. Lieber Walter, ich habe eigentlich gar nichts anderes erwartet und ich denke, Du auch nicht. Dennoch, es wäre so schön, wenn Du wieder unter uns wärst. Aber Geduld, es kommt auch noch einmal wieder.

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