Otten gibt ihm überhaupt keine Antwort, sondern schlägt ihm die Zellentür vor der Nase zu.
Weihnachten naht. Ein Wetter ist, wie in einem Weihnachtsmärchen. In der kalten, trockenen Luft bleibt der gefallene Schnee von jungfräulicher Reinheit. In den Häusern, hinter der Zuchthausmauer, herrscht feierliche Stille. Abends hören die Häftlinge aus der Anstaltskirche Choräle. Die kriminellen Gefangenen proben für ihre Weihnachtsfeier.
Den meisten Gefangenen, selbst Kreibel, wird, je näher Weihnachten heranrückt, seltsam ums Herz. Zu tief wurzeln die Gebräuche und Feste in ihnen; zu viele Kindheitserinnerungen führen zum festlich strahlenden Christbaum, zum gedeckten Gabentisch, zu gutem Essen, zum fröhlichen Geknabber an Nüssen, Mandeln und Datteln zurück...
Kreibel kommt auf den Einfall, die Bibel zu verlangen. In der Bibel zu lesen. Die Gesänge Davids vielleicht. Oder das Buch Hiob.
Er hört Schritte vor seiner Zelle und klopft gegen die Tür. Wachtmeister Otten schließt auf.
,, Herr Wachtmeister, ich bitte um die Bibel!"
Otten tritt vor Verwunderung einige Schritte in die Zelle und fragt, als habe er nicht richtig gehört:
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Was willst du haben?"
,, Eine Bibel, Herr Wachtmeister!"
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Was willst du denn mit' ner Bibel?"
,, Drin lesen, Herr Wachtmeister. Es gibt sehr schöne Kapitel in der Bibel, Herr Wachtmeister! Besonders im, Alten Testament '." Otten starrt sprachlos auf den Gefangenen. Dann packt ihn die Wut, er schreit:
,, Du Schwein willst dich bloß dran aufgeilen. Ich kenn' das!"
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