An einem kalten Dezembermorgen— auf dem Hof liegt zoll- hoher Schnee— läßt Meisel die Einzelhäftlinge der Stationen A 1 und A 2 auf den Korridoren antreten. Mit fünf Schritten Ab-- stand müssen sie marschieren. Es ist ein langer Zug verwilderter, erbarmungswürdiger Gestalten, der rund um den Hof durch den Schnee stampft.
Obertruppführer Meisel hat seinen gefütterten Wintermantel an- gezogen und geht langsam in der Mitte des Hofes auf und ab. Einige Schritte von ihm steht ein Posten, das Gewehr im An- schlag.-
Die Gefangenen tragen ihre alten, zerfetzten Zuchthauskleider, die sie auch im Sommer am Leibe hatten. Einige gehen vor Kälte gekrümmt und ziehen die’Schultern hoch. Kreibels Vordermann ist der junge Arbeiter Hansen. Ein kleiner, zarter Mensch, nach. seinem Aussehen eben der Schule entwachsen. Er hat eine viel zu große Jacke an. Die Hose, die auch zu lang ist, trägt er auf- gekrempelt.
Seit drei Monaten ist Kreibel nun das erstemal im Freien. Mit tiefen Zügen atmet er die reine, kalte Winterluft ein. Dabei blickt er die Reihen der Gefangenen ab. Torsten muß darunter sein... Wer, um alles in der Welt, mag nun Torsten sein... Jeden Gefangenen betrachtet er beim Marschieren, ob er mit der Vorstellung, die er sich von seinem Freunde macht, überein- stimmt... Bei den dunklen Bartstoppeln in allen Gesichtern kann man keins deutlich erkennen... Er bemerkt aber, wie ein großer Mann mit wild wucherndem Barthaar und kreidebleichem. Gesicht, der vor ihm läuft, ebenfalls bei jeder Wegbiegung prüfende Blicke über die Gefangenen wirft... Sollte das Torsten sein?...-
... Was kann man unternehmen, damit dieser erfährt, daß er Kreibel ist?.... Er muß irgendwie auffallen... Der Wachtmeister
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