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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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Kreibel hört Schritte nahen, springt von seinem Platz an den Heizungsrohren auf und stürzt ans Fenster. Die Zellentür öffnet sich. Der Sturmführer und der Stationswachtmeister Otten, der Harms abgelöst hat, treten ein. Hinter ihnen kommen zwei Männer in Zivil vorsichtig herein. Der eine, ein kleiner, ver­wachsener Mann, tritt ganz dicht an Kreibel heran und sieht ihn von unten herauf mit kleinen, stechenden Augen an. Der zweite, ein großer Mensch mit vollem Gesicht und runden, staunenden Augen, bleibt an der Tür stehen.

Keiner spricht ein Wort.

Der kleine Verwachsene sieht Kreibel immerfort ins Gesicht. Kreibel, der zuerst den Blick erwidert, sieht weg. Alle blicken ihn an und keiner spricht ein Wort.

Plötzlich dreht sich der Krüppel um und rennt aus der Zelle. Die andern folgen ihm.

Kreibel hört, wie einer draußen vor der Tür sagt: Nein, der nicht!" Dann entfernen sich die Schritte.

Wie hypnotisiert bleibt Kreibel noch lange unterm Fenster stehen. Er kann sich nicht erklären, was das nun wieder zu be­deuten hat.

Kreibels Zellennachbar, mit dem Namen Hansen meldet er sich, muß ein ganz junger Bursche sein. Immer, wenn der Wacht­meister zu ihm in die Zelle kommt, fragt er mit kindlich betteln­der Stimme:

,, Habe ich noch keinen Brief, Herr Wachtmeister?"

Einmal hat Wachtmeister Otten ärgerlich geschrien:

,, Du machst mich noch ganz verrückt mit deiner Fragerei. Halt endlich das Maul! Wer soll dir denn überhaupt schreiben?"

-

,, Meine Mutter, Herr Wachtmeister!"

Trotz dem Anschnauzer fragt der Gefangene an den nächsten Tagen wieder. Nie war ein Brief für ihn da.

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