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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
231
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Auch im Saal 2 sind die Genossen nach dem Vorfall mit dem Nazi-Rittmeister vorsichtiger geworden. Welsen läßt sich nur mit Genossen, die er gut kennt, in Gespräche ein. Der Saal hat zwei Neue bekommen, denen die Kommunisten nicht trauen. Der eine ist ein vielfach vorbestrafter Juwelenräuber, der seine Strafe verbüßt hat und wegen Unverbesserlichkeit ins Kon- zentrationslager gesteckt worden ist; der andere ist ein Homo- sexueller, der in Frauenkleidern aufgegriffen wurde.

An diesem Sonntag gibt es ein ausgezeichnetes Essen: Sauerkohl mit Kartoffeln, Fettsoße und Knackwurst. Die SS-Wachtmeister knüpfen leutselig mit den Gefangenen Gespräche an. Der Sturm- führer geht durch die Säle; sein Gesicht strahlt vor Wohl- wollen.

In den Nachmittagsstunden müssen Gefangene Tische und Stühle auf den Korridor der Station A 1 schaffen. Eine blecherne Schutz- wand aus dem Heizraum wird gewaschen und heraufgetragen. Hinter dieser Wand sollen die Häftlinge wählen.

Auf den einen Tisch wird ein hoher, schmaler Kasten gestellt. Sturmführer Dusenschön und ein Herr vom Statistischen Landes- amt nehmen an dem Tisch Platz. Obertruppführer Meisel über- nimmt die Verteilung der Stimmzettel und Umschläge.

Mit dem Saal 1 beginnt die Abstimmung. Truppführer Teutsch ruft sieben Namen auf. Sieben Gefangene kommen heraus, darunter die beiden Zuhälter. Sie stellen sich nach der Reihen- folge vor der schwarzen Blechwand auf, bekommen von Meisel jeder zwei Stimmzettel und einen Umschlag und müssen, nach- dem sie hinter der Wand ihr Zeichen gemacht haben, den Um- schlag mit den Stimmzetteln am Tisch abgeben. Hier werden sie

in den schmalen Holzkasten gelegt.