Druckschrift 
Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
191
Einzelbild herunterladen

,, Genossen?" schreit er." Genossen?" Und mit dem großen Zellenschlüssel schlägt er Dietzsch über den Kopf und ins Ge­sicht. Blutüberströmt taumelt der alte Mann durch den Korridor.

Die ersten Novembertage sind kalt und regnerisch. Überraschend schnell sind die rauhen, stürmischen Herbsttage gekommen. Der Himmel ist bleigrau. Ein schneidender Ostwind schüttelt die Bäume.

Der plötzliche Witterungswechsel wirft die Gefangenen um. Ohne Arbeit, ohne Bewegung, ohne ausreichende Nahrung und warme Kleidung ist ihr geschwächter Organismus nicht fähig, Trotz zu bieten. Eine Influenza wütet im Lager.

Torsten kämpft um seine Gesundheit. Er weiß, daß die Haft doppelt schwer zu ertragen ist, wenn er erkrankt. Was seinem Körper in erster Linie fehlt, ist gutes Essen und Bewegung. Besseres Essen kann er sich nicht beschaffen, Bewegung aber kann er sich machen.

Vier-, oft fünfmal am Tage treibt er Gymnastik. Abends ist er dann so erschöpft, als habe er schwere körperliche Arbeit ver­richtet. Nachdem er das Teewasser so heiß wie möglich ge­trunken hat, wickelt er sich nach Nachteinschluß seine wollenen Socken um den Hals, eine Wolldecke stramm um den Leib und legt sich hin und schwitzt. So hält er sich die Influenza fern. Hunderte von Gefangenen jedoch erkranken. Ein Spital gibt es im Lager nicht. Das Lazarett des alten Zuchthauses haben die Gefangenen abbrechen müssen. Die Erkrankten liegen auf den Sälen oder bleiben in den Einzelzellen. Der Heildiener läuft von morgens bis abends wichtig durch die Stationen und verteilt an die Kranken Aspirin , Rizinusöl und weiße Pillen.

Unter den Anfälligen befindet sich Kreibel. Wenige Tage nach Torsten ist auch er aus der Dunkelhaft genommen worden. Jetzt

191