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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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liegt er auf der Pritsche seiner Einzelzelle mit entzündetem Hals und schmerzendem Schädel. Jeden Morgen und jeden Abend bekommt er eine Tablette Aspirin und zwei weiße Pillen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich in den Arbeitervierteln der Stadt die Kunde, daß eine Grippe- Epidemie im Konzentrations­lager ausgebrochen ist. Die Angehörigen der Gefangenen stehen den ganzen Tag vor dem Lagertor. Die SS- Posten geben beruhigende Erklärungen; ihnen glaubt aber niemand. Die schimpfenden Frauen werden auseinandergetrieben; sie sammeln sich immer wieder in kleinen Gruppen, diskutieren, schimpfen, jammern und belagern das Tor, hinter dem ihre mißhandelten und kranken Männer und Söhne liegen.

Da läßt die Lagerkommandantur in der Tagespresse erklären, daß, abgesehen von einigen Erkältungen, die in dieser Jahreszeit stets auftauchen, keinerlei Massenerkrankungen im Lager zu verzeich­nen seien. Es sei noch kein einziger Gefangener an der Grippe gestorben. Die Ernährung sei ausreichend und die Behandlung einwandfrei. Wer anderslautende Gerüchte in Umlauf bringe, mache sich strafbar und komme ins Konzentrationslager. Torsten ist mit sich unzufrieden. Seit Tagen hat er sich vor­genommen, alle seine Kenntnisse über die russische Oktober­revolution wachzurufen und ein großes Referat auszuarbeiten. Doch ihm fehlt die innere Ruhe, die Kraft, seine Gedanken zu konzentrieren. Das kalte, nasse Wetter drückt ihn nieder, nimmt ihm die Lust zur Arbeit.

Stundenlang sitzt er auf dem Schemel, starrt in den farblos­grauen Himmel und horcht auf das Heulen des Windes. Seine hohe Rotbuche hinter der Gefängnismauer ist vom Sturm arg zerzaust; die Blätterpracht ist von den Zweigen gefegt, und die vielen kleinen, kahlen Verästelungen heben sich zart, wie Filigrane, vom Himmel ab.

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