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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
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Zelle. Lenzer hat das Licht eingeschaltet. Torsten schließt die Augen.

,, Na, Torsten, freuen Sie sich, jetzt ist es mit dem Jammer hier unten vorbei!" Lenzer lacht über das ganze jungenhafte Laus­bubengesicht. Er scheint sich wirklich zu freuen. Harden sieht schweigend auf den Gefangenen, der in das Licht blinzelt. ,, Sie sind von der Dunkelhaft befreit, Torsten, und kommen in die Gruppe 2. Nehmen Sie Ihre Sachen und folgen Sie!" Torsten ist mehr erschreckt als erfreut. Und Kreibel? Der bleibt allein zurück. Nun kann er sich mit keinem mehr durch Klopfen unterhalten.

,, Nun, Torsten?" Lenzer wundert sich. ,, Sie freuen sich an­scheinend gar nicht?"

,, Ich denke an die Gefangenen, Herr Wachtmeister, die noch hier unten bleiben!"

,, Ach was", meint Lenzer ,,, man muß in erster Linie an sich selbst denken!"

Nach einem kurzen, stummen Blick auf die Wand, hinter der Kreibel liegt, verläßt Torsten die Zelle, in der er sechs Wochen in Dunkelhaft verbracht hat.

Er bleibt auf der Station A 1 und bekommt die Zelle 14. Allein, atmet er doch auf und sieht lichthungrig zum Zellen­fenster hinaus, in den hellen Oktoberhimmel...

Die Zelle ist sauber und frisch gestrichen. Es steht ein richtiges Bett mit Matratze, ein Tisch und ein Schemel darin. Auch hängt an der Wand ein Schränkchen. In solcher Zelle kann man es aushalten, denkt Torsten. Gar kein Vergleich zu dem Loch im Keller.

Vorsichtig sieht er aus dem Fenster. Vor ihm liegt der Ge­fängnishof. Jenseits der Mauer sieht er Bäume und die Dächer der Inspektorenhäuser. Dahinter einen Gasometer aus rotem

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