„Von diesen Skandalbrüdern kauf ich mir etliche!” wütet Zirbes. „Diese Frechheit! Diese Unverfrorenheit!”
Zehn Minuten später fährt das Krankenauto in den Gefängnis- hof. Zirbes und Harms steigen in den Keller hinunter. Der Angeschossene liegt langgestreckt auf dem kohlenverstaubten Boden.
„Nun ist der Kerl auch noch ohnmächtig!” seufzt Zirbes.„Wir müssen ihn raufschleppen, die vom Krankenhaus brauchen ihre Nase hier nicht reinzustecken!— Na los! Pack an!“
Ein Krankenwärter zieht dem Stummgewordenen ein Augenlid hoch.„Der ist ja tot!”
„Was, der ist schon tot?” fragt Zirbes erstaunt.„Vor zehn Minuten hat er noch gebrüllt wie’n Stier!”
Harms stellt provisorisch die Personalien des Toten aus. Dann fährt der Krankenwagen leicht und leise aus dem Lager, an den im Herbstschmuck prangenden Obstbäumen in den Gärten der Inspektorenhäuser vorbei, die Fuhlsbütteler Landstraße hinunter.
„Alles in die Betten! Ruhe im Haus!”
Schlafenszeit. Es ist zwar erst sechs Uhr. Die glutrote Oktober- sonne steht noch über den Bäumen, und es ist taghell. Die Wacht- meister vom A-Flügel aber wollen ihren Sonntagsskat spielen; darum schicken sie die Gefangenen vorzeitig in die Betten.
In dem Riesenbau mit den hunderten eingesperrten Menschen ist es still wie in einem Totenhaus. Wachtmeister Lenzer, der laut singend„Es wird in hundert Jahren wieder einmal Frühling sein...” über den Korridor seiner Station geht, scheint das ein- zige Lebewesen in diesen Mauern zu sein. Und doch liegen auf jeder Station über hundert Menschen mit offenen Augen auf den Pritschen, in Einzelzellen eingesperrt wie wilde Tiere, manche in ständiger Dunkelheit.
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