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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
Seite
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Zirbes und Harms schließen die Tür zur Wachtstube.

Aus dem Wimmern und Stöhnen wird lautes, klagendes Rufen: Helft mir doch! Helft mir doch!

Oberscharführer Harms tritt auf den Korridor:Ja, mein Lieber, jetzt spürst du, wie es ist. Ihr Brüder könnt von uns kein Er- barmen erwarten.;

Helft mir doch! Helft mir doch!

Harms geht weg. Gleich darauf dröhnen Orgelakkorde durch das Gefängnis. Aber sie können das in Todesängsten ausgestoßene Brüllen:Helft mir doch! Helft mir doch! nicht übertönen.: Da wird Harms übermütig und frivol und spielt, was die Pfeifen hergeben, Schlager.Schlaf, mein Liebchen, schlaf auf lauter Rosen! Schlaf, mein Liebchen, Träume dich umkosen!... Die Melodie wird zerrissen durch tonlose Lücken. Und in dies verstümmelte Orgelgedröhn brüllt, schreit, fleht, winselt der tod- wunde Gefangene:Helft mir doch! Helft mir doch! Helft mir doch!

Schemel werden gegen die Zellentüren geworfen.Verbrecher! Mörder! Mörder! hallt es durch die Korridore. Die Außenposten laufen auf dem Hof umher, das Gewehr in An- schlag auf die Zellenfenster gerichtet. Zirbes und König, der Wachtmeister vom B-Flügel, rennen von Einzelzelle zu Einzel- zelle und drohen jedem, der lärmt, Prügel und Dunkelhaft an. Doch der Lärm und das Gebrüll werden immer stärker.

Also ruf doch dasKrankenhaus an! Sie sollenn Wagen schicken. Aber sofort!

Harms telephoniert. König und Zirbes schleppen den er- schöpften, winselnden Verwundeten in den Kohlenbunker. Die Bunkertür schließen sie ab. Jetzt kann keiner mehr sein Gebrüll hören.

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