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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
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ersten Male unbefriedigt, ja verärgert. Er fühlt sich ungerecht behandelt; zu den Vorwürfen liegt seines Erachtens nicht der geringste Grund vor.

Doch wenn der Kommandant durchaus meint? Es kann anders

werden, an ihm soll es nicht liegen. Er soll nicht wieder über zu

große Humanität zu klagen haben.

Torstens Tage haben wieder Sinn und Inhalt. Das Klopfen ist eine herrliche Entdeckung; man müßte es jedem Gefangenen beibringen, besonders den Einzelhäftlingen. Wieviel Liebe und Zuneigung, wieviel Teilnahme und Besorgnis läßt sich doch in dieses leise Klopfen hineinlegen. Das Klopfen bringt Menschen einander nah, die sich nie gesehen, die nie ein Wort miteinander gesprochen haben und nun ihr Leben voreinander ausbreiten und Sorgen, Hoffnungen und Ängste miteinander teilen.

Da der junge Kreibel der geschicktere Klopfer ist, klopft er die ersten Tage fast allein. Torsten horcht ab. Er erfährt, daß sein Nachbar seit Jahren Genosse ist. Sieben Monate ist er bereits in Schutzhaft; der alte demokratische Koalitionssenat in Hamburg hat sie noch über ihn verhängt, und der sozialdemokratische Polizeipräsident Schönfelder erließ den Haftbefehl.

Es ist eine anstrengende, unendlich mühselige Arbeit, alles Buch- staben für Buchstaben durchzuklopfen, und doch ist es eine große Erleichterung der Haft.

Du kauerst in einer finsteren Zelle, umschlossen von dicken Steinmauern, in der steinernen Kälte des Kellers hörst du keinen Laut nur einige schwache Geräusche, schleppende Schritte, Husten und Schnupfen verraten, daß in diesem Grabesdunkel lebendige Menschen liegen doch leises Klopfen überwindet die erfinderischste Bestialität, überwindet die Isoliertheit, das Schweigen, die Verzweiflung...

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