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Die Prüfung : Roman aus einem Konzentrationslager / Willi Bredel
Entstehung
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Seit dem 1. März, seit über sieben Monaten, ist Walter Kreibel in Schutzhaft>Dann kennt er also das ganze illegale Material der Partei nicht, sagt sich Torsten, weiß womöglich nichts von der Weltwirtschaftskonferenz, nichts vom Reichstagsbrandprozeß. Torsten sieht sich vor eine ernste, wichtige Aufgabe gestellt: den Genossen in der Nebenzelle zu informieren.

Kreibel nimmt den Vorschlag begeistert auf. Seine Bitte, noch am Abend etwas durchzuklopfen, lehnt Torsten ab, weil sie in der Nachtstille zu leicht überrascht werden können.

Doch diese Nacht beginnt nicht still. Ein Gepolter auf der Kellertreppe. Gleich die erste Zelle wird geöffnet; man hört Ohr- feigen, Schläge auf den Körper, Schreie des Mißhandelten, Wimmern, Stöhnen.

Die zweite Zelle wird geöffnet, die dritte, die vierte. Und überall

. wildes Schlagen, laute Schreie, unterdrücktes Wimmern. An

Torstens Zelle zögern die Prügelknechte; sie besprechen sich und gehen vorüber. Kreibels Zellentür wird aufgerissen. Sturm- führer Dusenschön, die Wachtmeister Zirbes und Meisel brüllen im Chor:

Runter vom Bett!

Kreibel springt vom Bett und steht im Nachthemd vor den dreien. Dusenschön knipst das Licht in der Zelle an. Zirbes und Meisel haben lange, geflochtene Nilpferdpeitschen. Kreibel hält die Hand vor die lichtentwöhnten Augen und blinzelt wie eine Eule auf die Eindringlinge. Wie geht es dir? fragt der Sturmführer.Na, los, wie geht es dir?

Kreibel antwortet:Gut!

Das kommt ja recht zögernd. Und nur gut? Nur gut? Kreibel weiß nicht, was er sagen soll, kommt nicht auf das, was der Sturmführer hören will; er schweigt.

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