Ereignissen im Lande keine Notiz nehmen, sondern nur für ihr kleines augenblickliches Wohlergehen lebten, käme es einem Selbstmord gleich, wäre es ein Leben auf einem Vulkan, wäre es im mildesten Fall ein feiger Selbstbetrug... Der Herrschaftsantritt der Nazis konnte nur den einen Sinn haben: Krieg. Ein neuer Völkerkrieg stand bevor... Das weiß Torsten, der Marxist, der dank seiner Weltanschauung in das Getriebe der sozialen Kräfte und wirtschaftlichen Zusammenhänge blicken kann. Und er weiß ferner, daß ein neuer Krieg ein zweiter Weltkrieg werden muß, und daß der, wie immer er sich auch entwickeln mag, Deutschland zugrunde richten muß. Wie könnte er offenen Auges, sich selbst täuschend, über all dies hinwegsehen?...
Nun aber war er selber in den Fängen der Bestie, und Reue könnte sich einstellen, Vorwürfe, Selbstanklagen... Nein, Heinrich Torsten hat nichts zu bereuen; er hat nichts versäumt. So wie er es geführt hat, war sein Leben richtig und gut. Zu bedauern und zu beklagen sind die, die ihre Not ohne Hoffnung tragen, die, gedrückt und gedemütigt, ein Leben erdulden, das nicht erhellt wird vom Kampf um den Sozialismus. Zu bedauern sind die Unwissenden, Mutlosen, Hoffnungslosen. Nein, sein Leben ist herrlich gewesen.
Dreizehn Stunden sitzt Heinrich Torsten nun schon in der Boxe; er glaubt kaum, daß er noch einen ganzen Tag zu leben hat und durchlebt das Auf und Nieder seines Lebens noch einmal. Seit dreizehn Stunden krümmt er sich in seiner Boxe, und er weiß nicht, wie lange er sich noch so quälen muß. Es ist spät am Abend, die übrigen Gefangenen sind längst ins Untersuchungsgefängnis gebracht worden. Nur eine einsame Nachtwache schleicht durch die Korridore.
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