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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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sicht war zu ihm aufgehoben wie das eines Kindes, das begreifen möchte, und sein Blick, der in dieses Gesicht stürzte wie in einen Schacht, löste wie Schichten andere Gesichter unter ihm los, junge und sehr junge, lockende, fragende, wissende, gütige und gefährliche. In ihren schönen, schwachen, ergebenen Augen sah er es sich wie Verrat erheben, und zugleich empfand er ganz sicher, daß sie einem frühen Tode bestimmt war. Aber als er in leisem Grauen, angerührt vom Flügel­schlag ahnender Offenbarung, zurücktrat, fand er wieder ihr ursprüngliches Antlitz, angstvoll und ohne Ver­ständnis und voll eines Flehens, das ihm ein tiefes Erbar­men mit ihr eingab. Er drückte sie sanft auf den Sitz nieder, von dem sie sich erhoben hatte, dann kehrte er ans offene Fenster zurück, in das er sich setzte, ein Knie in den verschränkten Händen. Auf den golden strömenden Abend schauend, fühlte er eine starke, verzichtende Ruhe in sich, und sein rückwärts über die Schulter gewendetes Antlitz suchte die Wälder. Die ersten Sterne traten aus der verdunkelten Bläue her­vor. Verse gingen ihm durch den Sinn:

... Bei meinem Saitenspiele

Segnet der Sterne Heer

Die ewigen Gefühle.

Schlafe! Was willst du mehr?

Halblaut begann er das Gedicht zu sprechen. Eine süße und schmerzende Gewißheit sagte ihm, daß sich an ihm ein Unabwendbares vollziehe, und daß die verhängte Zu­kunft das ihm Notwendige, das Befreiende bereithalte. .. Bannst mich in diese Kühle, Gibst kaum im Traum Gehör...

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