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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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sich ihr Antlitz vor seinen Augen in einen weißen Schaum auf, zusehends vergingen ihre Züge, ohne daß er sie in seinem Innern wiedererstehen zu lassen ver­mochte. Vielleicht, dachte er, ist Anna nur die Ver­körperung eines Lebens, von dem ich für immer Ab­schied nehmen muß. Entrinnen und wieder entrinnen -nur das ist die Zukunft: Verwandlung und Ver­

gessen.

Er war nicht erstaunt, als er plötzlich ihre Stimme hörte, lauter und erregter, als er sie je zuvor ver­nommen hatte. Durch den Nebel erschienen ihm ihre Züge wieder deutlicher. Er mußte eine Weile warten, bis es ihm gelang, den Sinn ihrer Worte zu verstehen. ,, Geh nicht hinüber, Peter!" hörte er sie sagen ,,, ich weiß, du wirst mir nicht zurückkehren... Warum nicht für eine kurze Zeit nach O...? Dort könntest du unerkannt bleiben, und du weißt, daß du dort sorgende Freunde hast."

,, Wie soll ich dir erklären..." Er sprach sehr langsam, als erwäge er jedes Wort. ,, Nicht allein, daß die Straßen nach O... gesperrt sind, wie die Kundschafter berich­ten..." Er schwieg lange. ,, Mein Weg hinüber zu den andern ist vielleicht die letzte Möglichkeit...", sagte er zögernd. Er fühlte ihren verständnislos fragenden Blick. ,, Das erhöhte Leben", setzte er mühsam hinzu. Ihr Blick wich nicht von ihm, und mit geschlossenen Augen und einem halben Lächeln schien er, während seine Hand sich abwehrend ausstreckte, seine Worte auslöschen zu wollen.

Er wußte auf einmal, daß er sie verzweifelt liebte und sie verlassen mußte und sie vielleicht nicht wieder­sehen dürfte und sie nicht wiedersehen würde. Ihr Ge­

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