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Zwei Erzählungen / Stephan Hermlin
Entstehung
Seite
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mußte über sich lächeln. Sicherlich war seine Über­müdung zu entschuldigen. Er sehnte sich plötzlich da­nach, allein zu sein, die Lichter zu löschen, traumlos zu schlafen.

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Sie aßen schweigend. Der Diener räumte ab und brachte eine Flasche Kirsch. Anna saß regungslos vor einem Glas Wein, das sie kaum berührt hatte. Der Frei­herr sprach in kurzen, bestimmten Worten über die militärische Lage, während er eine Zigarre anzündete. ,, Wir haben zu spät gehandelt. Die Entschlossenheit, die unsere Namen auf bronzene Standbilder in den Stadtgärten und auf die Seiten der Schulbücher bringt, hat uns jedesmal verlassen, wenn wir sie am notwen­digsten brauchen. Ich sage dir, Peter: überall er­blicke ich Abgründe. Schon einmal habe ich gesehen, wie sie Knaben schlechtbewaffnet gegen Feuerschlünde schickten. Jeden Tag zerfällt eine Stadt. Und jeden Tag verdunkeln die Schatten von zweihundert Geiseln die im Mittagslicht weißen Mauern. Wer wird uns noch glauben, daß wir das nicht gewollt haben? Ich habe nachgedacht und bin zu Schlüssen gelangt, die dir und den anderen aus deinem Kreis vielleicht un­annehmbar erscheinen werden. Wir waren stumpf..." Yorck sah ihn an. Der Freiherr sprach nun halblaut. mit langen Pausen zwischen den Sätzen. Seine rechte Hand fuhr gleichmäßig nach rechts und links über das Tischtuch.

,, Stumpf. Oder vielleicht feige. Unter uns gibt es allzu viele Feiglinge mit EK I und Ritterkreuz. Was uns fehlt, ist die Fähigkeit, die Frage neu zu stellen."

Yorcks Gedanken irrten ab. Er sah sich über einen Feldweg reiten, im weißen Hemd, auf ,, Apollon ", dem

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