Druckschrift 
˜Eineœ Fuhre Holz / Wolfgang Langhoff ; Einband und Illustrationen: Georg McKing
Entstehung
Seite
25
Einzelbild herunterladen

gefolge gestatten, um vielleicht auf diese Weise sein Bedauern über den Vorfall zum Ausdruck zu bringen, war so unfaßbar, so überraschend und neu, daß sie alle Herzen aufs äußerste erregte. Wie ein immer geprügelter Hund mit einem scheuen Sprung zurückweicht, wenn sein Herr die Hand er­hebt, um ihn ausnahmsweise einmal zu streicheln, so war die erste Reaktion der Gefangenen Miẞ­trauen und Unglaube. Die wahnsinnigsten Ver­mutungen, Folgerungen, Hypothesen schwirrten durch die Luft, wurden geglaubt, verworfen, wieder geglaubt und erneut verworfen bis man sich so ratlos in die Augen blickte wie zu Beginn und alle Fragen sich zu einer einzigen Frage verdichteten:

-

Wer war der Tote, daß sich die Lagerleitung zu einem solchen Schritt entschloß? Was hatte er ihnen angetan? Welchen Gegner hatten sie für ewig stumm gemacht? Und wer zwang ihnen noch im Tod Achtung ab, daß sie ihn nicht einscharrten wie ein krepiertes Tier, wie sie es getan hatten mit den anderen, die in jenem Hügel im Moor schon eingescharrt lagen?

Welchen Kameraden, welchen Führer, welchen Freund hatten die Gefangenen verloren?

Der unbekannte Tote in seiner Zelle wuchs auf, es erhob sich sein Schicksal über alle andern, seine namenlose Gestalt schritt durch das Lager, geheimnisumwittert, fern und doch nah, er trug in sich vereint das Leiden und die Liebe, den Kampf und die Treue, den Tod und die Auferstehung aller

25