Nun erst, da ein Philosoph den Mut gefunden, die Tafeln gottgegebener Sittengesetze zu zerschmettern, die Begriffe von Gut und Böse umzustürzen und die Herrenmoral zu verkünden, war mit der Zerstörung des Bildes von Gott auch das des Men
schen zerfetzt.
Die Folgerungen waren entsprechend. Wo keine Ehrfurcht mehr vor dem absoluten Gott, da auch keine vor dem Menschen. Der Gottesverächter wird notwendigerweise Menschenverächter. Der Mensch wird seiner Würde entkleidet, wird Mittel in der Hand des Uebermenschen, für den die ganze ,, Mitleidsarbeit" zur Erhaltung der ,, Kranken, Invaliden, Gichtbrüchigen und Verpesteten" ein Greuel ist.
Was hat man der aufhorchenden Menschheit verkündet?
,, Das Genie, der Zarathustra Mensch arbeitet an der Höherzüchtung der Menschheit und um deswillen zugleich an der Vernichtung alles Kranken, Entarteten und Parasitischen so daßẞ endlich jenes überschäumende Leben wieder auf Erden möglich wird, aus dem der hellenisch- göttlichste Zustand, der dionysische, erwächst"( Peter Gast a. a. O. S. 384).
Die Masse aber, die verachtete Menge, beugte sich vor den sich spreizenden machtlüsternen Hohlköpfen, die sich als„, Uebermenschen" gaben, genau wie der bewundernde Kommentator Nietzsches es umschrieb: ,, Die Menge braucht nicht nur Führer, sie will sie selbst, wenn auch uneingestandenermaßen. Sie weiß mit sich nichts anzufangen; sie wird sich auf die Dauer zum Ekel. Kommt aber der Große, dann fühlt sie mit heiligem Schauder, was sie nie gefühlt: daß über ihr noch sieben Himmel der Uebermenschheit ausgespannt sind; daß die einzige Erlösung, die es auf Erden gibt, das Machtgefühl ist, an dem der Kleinste teilhaben kann und willig teilhat!... Dazu aber muß sie selbst da sein, die Macht!... als Mensch! als Genie der Tat und des Gedankens!" ( Peter Gast a. a. O. S. 406).
Dieses als einzige Erlösung auf Erden gepriesene Machtgefühl
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