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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
Entstehung
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NACHSCHRIFT

Seit diese Erinnerungen niedergeschrieben sind, ist ein Chor von Stimmen ehemaliger Kameraden an mein Ohr gedrungen. Und jede einzelne Stimme klang so, als ob sie mich hätte fragen wollen: , Weißt Du noch... Und jener?"

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Ich weiß: Der Schmerz ist eine individuelle Angelegenheit und soviel Häftlinge- soviel Schicksale! Man konnte sie nicht alle überschauen. Es war doch so, daß der Einzelne im Lager jeweils nur einen Ausschnitt der Vorgänge, nur einen Bruch­teil der Menschen sah, die litten, kämpften, starben. Wer wollte auch die Tausende aus allen europäischen Ländern kennen, die allein ab Herbst 1944 ins Dachauer Lager geschleppt worden sind? Wer jene zahlreichen ehemaligen Arbeiterführer, Stadträte, Parla­mentarier aus allen deutschen Landesteilen, die man rein listen­mäßig im Gefolge des 20. Juli 1944 verhaftet hatte?

Es gab im Dachauer Lager ein ,, internationales Kollektiv", einen christlichen Pastorenkreis, ein Zusammenwirken von geistlichen Häftlingen verschiedener Bekenntnisse, und, neben den parteipo­litisch geprägten Häftlingen, eine Reihe von aktiven evangelisch­gläubigen Laien, darunter den schwäbischen Regierungsrat Dr. Collmer. Von den einen wußte man, die andern kannte man nur vom Hörensagen.

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Ein wohlmeinender, in Dachau äußerst aktiver Kamerad lieẞ uns wissen, daß er gerne gesehen hätte, wenn wir uns nicht bloß darauf beschränkt hätten, die geistige und praktische Haltung der Proleten" an einem höheren Menschentum zu messen. Es hätten in Dachau auch Vertreter anderer Gesellschaftsschichten zuweilen menschlich versagt: Künstler, Professoren, Lehrer, Inge­nieure, Redakteure, Offiziere, Geistliche. Wir glauben das Not­wendigste da und dort angedeutet zu haben. Die besondere Würdi­gung aber der sozialen Schicht der Arbeiter ergab sich natur­

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