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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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obschon von Häftlingsfunktionären ausgenutzt, hat nicht wenig dazu beigetragen, das Ansehen der Geistlichkeit in der öffentlichen Lagermeinung zu vermindern. So war es seitens der SS - Leute auch gemeint. Unermüdlich nährten sie unter der Masse der Häft­linge die Miẞstimmung gegen die Pfaffen" unter dem besonderen Hinweis, daß diese Sonderzuwendungen erhielten, die sie nicht nötig hätten, daß sie gegenüber dem einfachen Häftling ,, privilegiert" wären und es darum besser aushalten könnten usf. Als dieses frag­würdige ,, Privileg" endlich Frühjahr 1942 wegfiel und alle Geist­lichen den anderen Häftlingen gleichgestellt waren, atmeten die Weiterblickenden unter ihnen buchstäblich auf. Damit war ein schweres psychologisches Hindernis in der Auswirkung einer ir­gendwie gearteten seelsorgerlichen Einflußnahme der Geistlichen gefallen. Es blieben freilich der Hemmungen und Schwierigkeiten noch viele vor allem der Wegfall jedweder offiziell gestatteter kirchlicher Seelsorge! und wir können nicht sagen, daß es in den Jahren gelungen wäre, einen lebendigen Kontakt zwischen dem Block der Priester und der geistigen Atmosphäre des Lagers herzustellen. Dieser Kontakt wäre nicht unmöglich gewesen. Jeden­falls war er wünschenswert.

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Der französische Klerus, weniger vertraut mit den Fall­stricken, Möglichkeiten und Befürchtungen des Lagers und von Hause aus auch mit bedeutend weniger Respekt vor irgendwie ge­arteten ,, Verbotstafeln" ausgestattet, nahm unbekümmert Seelsorge auf, zog Laien heran und schickte sich an, die Kapelle damit zu bevölkern, gleichviel, ob gern oder ungern gesehen, bei ängst­lichen Gemütern erwünscht oder unerwünscht. Daneben nutzte er die Gelegenheit, sich mit der neuesten Seelsorgsliteratur ver­traut zu machen eine Literatur, weitgreifend in der geistigen Konzeption, von verständnisvoller Einführung in die Psychologie der Zeit und von erfrischender Unbefangenheit hinsichtlich der Erfassung der sozialen Probleme, die neu aufgeworfen und durchdacht werden sollen.

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Die Umstände waren 1944 so, daß Msgr. Piguet, Bischof von

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