Hier war Lüder in seinem Element. Bürokratisch genau im Dienst, geistig darüber hinaus lebend. Unter der Schreibunterlage hatte er seine ,, stillen Blätter". Die zog er abends hervor und qualmte dazu, gutes und schlechtes Kraut. Er dichtete, sarkastische, nadelspitze, beißende Verse über das Leben im KZ und die SSKorruption. Nur eines war anders, das Gedicht, das er unter dem Eindruck des kleinen Photos schrieb, das seine Frau ihm schickte. Da stand sie selbst, die bejahrte Frau mit den kummervollen Zügen vor dem bescheidenen Häuschen, und schaute die Straße entlang, ob ihr Lüder nicht doch einmal wiederkäme. Dies Bild hat ihm ins Herz geschnitten und darum war sein Gedicht darauf auch einzig schön, wie ein Volkslied in dämmeriger Abendstunde gesungen. Seine Gedichtsammlung hat er noch glücklich ,,, schwarz" natürlich, heimschaffen können. Da traf ihn der Schlag.
Trotz seiner vorsichtig stillen Art war es halt doch bekannt, wo er parteipolitisch beheimatet war. Kurz, er kam im Oktober 1944 mit den Kommunisten auf Straftransport nach Neuengamme . Wir hätten ihm ein leichteres Ende der Lagerzeit gegönnt, denn er hat viel gelitten). Zuverlässige Mitteilungen besagen, daß Lüder W. im März 1945 in Sandbastel am Typhus gestorben ist.
6) Nach Mitteilungen von Augenzeugen( Le Monde, Paris 30 oct. 1945 und 3 nov. 1945) sind die Häftlinge des KZ Neuengamme beim Herannahen der Alliierten im April 1945 nach Lübeck transportiert und dort auf vier Schiffe verfrachtet worden: ,, Cap- Arcona " mit zirka 6000 Mann ,,, Athena" mit 2000 Mann ,,, Thielbeck" mit 2500 und ,, Deutschland " mit zirka 3000 Mann. Die Schiffe hatten die Hakenkreuzflagge gehißt und kreuzten während 2 Tagen an der Küste. Am 3. Mai hatten die Alliierten Lübeck erreicht. Es erfolgte ein Luftangriff: drei der Schiffe sanken. An Ueberlebenden zählte man von ,, Cap- Arcona " 312, von" Thielbeck" zirka 100, ,, Athena" erreichte mit allen den Hafen. Das Schicksal der ,, Deutschland " ist unbekannt; man hat nie einen Ueberlebenden gesehen. Es bleibt demnach auch strittig, wer das Schiff versenkt hat. Die SS hatte die Schiffe vor dem Angriff verlassen und schoẞ am Ufer auf diejenigen Häftlinge, die sich retten wollten. Sollte dieses Schicksal der Zweck des Straftransportes der Dachauer kommunistischen Häftlinge nach Neuengamme gewesen sein?
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