vervollständigten sie. Alle wichtigen Krankheitsvorgänge warfen ihre Schatten in die Registratur. Hier lagen die Totenscheine von Jahren und die Totenbücher, die wir verbrennen sollten und es nicht getan haben. Ein Türschild warnte Unberufene: ,, Eintritt verboten". Die Arbeit lag früher in Händen von SS - Leuten, offenbar darum, weil damals mehr lichtscheue Angelegenheiten das Büro passierten, wozu sicher auch die ausgedehnte Korrespondenz über zwangsweise Unfruchtbarmachung gehörte. Die SS wurde später durch Häftlinge ersetzt. Das Türschild blieb. Das hatte den Vorteil, daß man uns fast völlig in Ruhe ließ. Der nervöse Bayer mit dem Holzbein, zu dessen Wesen das Randalieren gehörte, war längst auf Transport. Nur Lüder Winters hielt die Stellung und störte den Frieden nicht, denn er war von der Wasserkante, einsilbig, etwas verbrummt und geistig höchst eigentümlich gewachsen.
Lüder, ein Proletarierschicksal, wie man es bei Sombart beschrieben und bei Käthe Kollwitz gezeichnet findet. Schon als kleiner Bub in der Morgenfrühe, schlaftrunken, genötigt, Brötchen auszutragen und am Abend Laternen anzuzünden. Weder Zeit zum Lernen noch zum Schlafen. Und auch sonst keine Ruhe in der Familie. Besteht die Volksschule dennoch mit Glanz, lernt ein Handwerk und landet in den Zeiß- Werken von Jena . Weiterentwicklung nach Regel: Sozialist, durch den Weltkrieg 1914/18 Anhänger der USPD von Haase, Deserteur, Mann der Revolution in Weimar . Für einige Wochen ,, Machthaber", dann kommunistischer Zeitungsschreiber, und in der Folge Genossenschaftssekretär. Als solcher Reise nach Rußland zum Studium des Genossenschaftswesens, Vortrag im Blauen Kreuz in Bremen über Reiseeindrücke, Verhaftung, Gefängnis und KZ Sachsenhausen. Wird nach 2 Jahren entlassen und bei Kriegsausbruch 1939 wieder verhaftet und schwer mißhandelt, was ihn zu einem Selbstmordversuch treibt. Die Schnur wird rechtzeitig durchschnitten; er lebt weiter und kommt nach Dachau , von Freunden in die Registratur des Reviers geschoben.
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