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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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war es nicht anders. Die Vitalität dieser Polen war groß, und doch mußten sie zu vielen Tausenden sterben, wobei Landarbeiter wie Gutsbesitzer, Industriearbeiter wie Fabrikdirektoren, Volksschul­lehrer wie Professoren, Geistliche und Künstler ihren Anteil hat­ten. 1941 war das gröbste an Mißhandlung in Dachau vorbei, aber längst nicht alles. Die Hungerperiode kam 1942. Geschlagen wurden sie nach wie vor, und der gute Bischof Kozal, eine stille, würde­volle Figur im Lager, starb danach( am 26. Januar 1943). Abge­sehen von Schreiber- und Pflegerstellen und Beschäftigung als Friseur standen die Polen in harter Arbeit.

Ihre Vitalität blieb trotz allem staunenswert. Sie hatten den Mut und die Kraft, den Augenblick( Sommer 1943), da im Lager Freilichtspiele erlaubt waren, zu nutzen, um ein Tanzspiel in Nationalkostümen mit Massenchören zu inszenieren, das eine einzige nationalpolitische Demonstration war. Und sie waren dabei mit dem vollen Enthusiasmus ihrer Rasse. Ihre leidvollen, miẞ­handelten Priester waren es auch. die, von Kapelle und Got­tesdienst ausgeschlossen, im Jahre 1943 damit begannen, in einer geheimen heiligen Messe, die sie alltäglich in einem Schlafzim­mer feierten, zu beweisen, daß sie zum Letzten bereit waren. Es gehörte unter den obwaltenden Umständen die Entschlußkraft dazu, die allein aus einer naiven Volksseele heraussteigt.

Ihr musikalischer Sinn zeigte sich in dem Warschauer Musik­professor K., der durch sein wohlgepflegtes Violinspiel auffiel. Ein wahrer Künstler, orientiert an der höchsten Sendung der Kunst, der sich niemals dazu verstand, Konzessionen an eine Massen­stimmung zu machen. Er verschwendete seine Kunst zur erheben­den Freude seiner Kameraden in geradezu königlicher Weise.

In der Plantage saßen in einer stillen Klause einige polnische Priester und malten unter Leitung des Wieners C. Blumen, Aquarelle nach lebenden Modellen in geradezu erstaunlicher Einfühlung, zar­tester Empfindung und in höchst kultivierter Ausdruckskraft; Vor­lagen zur photographischen Vervielfältigung und zur Verwertung

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