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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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Dennoch, unter ihm und dem Kommandanten W. setzte eine Periode von ,, Kultureinrichtungen" ein: Anlage des Fußball­spielplatzes, Konzerte der Lagermusik, Rezitationsabende, Frei­lichtspiele sogar. Nicht so, als ob die Lagerführung selber einen aktiven Willen, irgendwelches gestaltende Können, oder auch nur Verständnis und ernste Anteilnahme an einer Kulturpflege unter den Gefangenen gehabt oder bekundet hätte! Nein, darauf kam es auch gar nicht an. Wenn sie nur geschehen ließ. Das andere taten die Häftlinge schon von sich aus. Kräfte genug! Wie Dampf, im Kessel unter Druck gehalten! In dem Augenblick, da die Lagerführung den Weg zum Spiel, wenn auch zögernd, unter Hemmungen, Störungen und Rückschlägen, frei gab die Gründe, die sie dazu bewogen, haben wir nie klar erkennen können-, war auch schon alles da. Der niedergehaltene und auf gefährliche Ab­wege verdrängte natürliche Geltungstrieb von Hunderten von Lagerinsassen schaltete sich automatisch ein: wirkliche und ver­meintliche Künstler, Musiker, Sänger, Schauspieler, Rezitatoren und Conférenciers, Taschenspieler, Imitatoren, Kettensprenger und was es im Tingel- Tangel und in der Vorortwirtschaft Amateurkünsten gibt.

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Für wenige Wochen ward sogar eine Art ,, Kulturbaracke" er­richtet. Der Nachfolger von R. hatte weder Sinn noch Lust zu solchen ,, Spässen". Die Kulturbaracke erhielt eine andere Zweck­bestimmung. Aber bald danach erstand an der Nord- Ost- Ecke des Lagers unter großem Kostenaufwand eine besser ausgestattete Ba­rácke, deren Errichtung, wie es hieß, von oben besonders dringend gewünscht war: das Bordell. Hierauf verwandte die Lager­leitung nunmehr ihre ,, Kulturenergien" und ließ alles andere ver­derren. Ein Dutzend weiblicher Häftlinge, frühere Dirnen, wurden aus dem Frauenlager Ravensbrück nach Dachau geschafft und unter dem Vorgeben, nach sechsmonatigem Dienst nach Hause ent­lassen zu werden, verpflichtet. Es gereicht den politischen Häft­lingen Dachaus aller Parteirichtungen zur Ehre, daß sie mit we­nigen Ausnahmen in stillschweigender Verabredung ablehnten,

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