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Leben auf Widerruf : Begegnungen und Beobachtungen im K. Z. Dachau 1941 - 1945 / Joseph Joos
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für die Unterbringung stets als letzter Zufluchtsort. Wenn alle Stricke rissen, so hieß es, dann ,, wollen wir es bei der Plantage versuchen". Jedenfalls ließ der dort amtierende polnische Major, so wenig wie der Wiener Journalist C., die Gelegenheit vermissen, rechtzeitig das Sprungtuch hinzuhalten.

Selbstverständlich befanden sich auch unter den Capos der Plantage sogenannte ,, Schläger". So schlug zum Beispiel W., der Capo vom Kommando ,, Gemüsebau und Kompost" noch im August 1942 einen Geistlichen mit dem Schaufelstiel nieder, weil er an­geblich zu langsam gearbeitet hatte.

Es gab indes auch nicht wenige Intellektuelle, denen jeglicher praktischer Sinn und die Kenntnis elementarster Erfordernisse des Lebens abgingen. Manche waren wie Kinder, von ungefähr vom Himmel heruntergefallen; hilflos, unselbständig, führungsbedürftig, unfähig, sich in den einfachsten Dingen des Lagerlebens zurecht­zufinden und sich zu helfen. Dabei handelte es sich nicht bloß um ,, Dichter und Denker". Es muß etwas in der Art, wie höhere Bil­dung übermittelt wird, es muß an einer Einseitigkeit, einer Le­bensfremdheit im Studiengang selbst liegen, auch an einer unan­wenn der Mensch gebrachten Scheu vor körperlicher Arbeit,

höheres Wissen mit praktischer Hilflosigkeit bezahlt.

War jener Religionsphilosoph nicht ein erschütterndes Beispiel? Ein Leben voll Studium, Kenner aller Schattierungen ostasiati­scher Religiösität, und ach so abseits und so bejammernswert hilf­los! Man konnte seinen Untergang nur im Zeitpunkt hinaus­Dazu bedurfte es seiner schieben; zu verhindern war er nicht. Mitwirkung. Oder der junge Philosoph aus dem Rheinland, der über Nietzsche gearbeitet hatte. Auch ein Schulbeispiel, und be­zeichnend für das Schicksal der intellektuellen Jugend im Dritten Reich! Die Pressekammer hatte ihn, der nicht zur Partei gehörte, aus dem Feuilleton eines bürgerlichen Blattes herausgeholt und zum Dienst in der Parteipresse gezwungen. Konflikt zwischen Brot und Gewissen, zwischen materieller und geistiger Existenz! Was tun? Er wird Berichter auswärts und schreibt verzweifelt

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